Handbuch 5. Auflage
1304 Micheel Evaluation: kein eigenständiges Ziel Teilweise werden auch Evaluationen wie Explora- tionen, Beschreibungen, Erklärungen und Progno- sen als Ziel von empirischer Sozialforschung ge- nannt; dies führt eher zu Missverständnissen, da Evaluationen nur eine spezielle Untersuchungsform sind, in der es um die Überprüfung und Bewertung von insbesondere politisch-administrativer Pro- gramme anhand von Beschreibung und / oder Er- klärung geht. Eine Evaluation, die auf der Grund- lage von Daten, die mit den Methoden der empirischen Sozialforschung gewonnen und inter- pretiert und abschließend bewertet wird, wird als Evaluationsforschung bzw. auch Programmfor- schung bezeichnet (Babbie 2007, 348 ff.; Bortz /Dö- ring 2006, 95 ff.). Forschungsprozess Das Ziel empirischer Forschung ist immer abhän- gig von dem Forschungsproblem, d. h. einer For- schungsfrage bzw. mehrerer Forschungsfragen, dem sich ein Wissenschaftler stellt. Das For- schungsproblem steht immer am Anfang einer empirischen Studie und somit eines Forschungs- prozesses. Forschungsprozesse werden in der Regel als ein hierarchischer schrittweiser Ablauf dar- gestellt: Beginnend mit der Auswahl des For- schungsproblems und endend mit der Veröffent- lichung der Forschungsergebnisse (Babbie 2007, 107 ff.; Schnell et al. 2008, 7 ff.). In der For- schungspraxis ist es aber selten ein systematischer Ablauf, sondern meist ein höchst verzahnter und iterativer Prozess: Es wird zwischen den Phasen vor und zurückgesprungen, Korrekturen werden im Nachhinein vorgenommen und bestimmte Abläufe mehrfach – z. B. aufgrund vorliegender Ergeb- nisse – wiederholt. Forschungsfragen Forschungsfragen, als erster Schritt des Forschungs- prozesses, ergeben sich aus Interessen und Ideen eines Sozialforschers bzw. eines Teams von Sozial- forschern oder aus der Vorgabe durch Auftraggeber wie der Wirtschaft, Politik oder unterschiedlicher sozialer evtl. auch kultureller Institutionen und Organisationen (wie z. B. Kirche, Gewerkschaften, Wohlfahrtsverbänden). Ein Forschungsproblem kann sehr begrenzt und eindeutig sein, aber auch sehr komplex oder weniger konkret. Mit dem For- schungsproblem und dem daraus resultierenden Ziel einer empirischen Studie (Exploration und / oder Beschreibung und / oder Erklärung und / oder Prognose) ist besonders auch die Kom- plexität der weiteren Schritte des Forschungspro- zesses vorgegeben. Insbesondere bei Auftragsfor- schung existieren begrenzte und eindeutige Forschungsfragen, die den Forschungsprozess in hohem Maße reglementieren. Theoriebildung In einem nächsten Schritt werden Forschungsfra- gen in dem Kontext zu wissenschaftlichen Theo- rien gestellt: Es reicht nicht aus, ein Interesse oder eine Idee für ein Forschungsproblem zu haben. Soziale Sachverhalte, die man untersuchen möchte, müssen immer in Theorien eingebunden werden. Theorie ist kein eindeutiger Begriff. Aber zuerst einmal, was eine Theorie nicht ist: Eine Theorie besteht nicht darin, über einen Sachverhalt gelehrig zu philosophieren oder Glauben und Meinungen zu einem Sachverhalt zu äußern; sondern eine Theorie hat etwas damit zu tun, was ist, d. h. sie bezieht sich auf empirische Beobachtungen oder Erfahrungen. Damit ist auch gemeint, dass eine Theorie sich nicht damit beschäftigt, was sein sollte, also normative Aussagen trifft, sondern aus Existenzaussagen und Aussagen über logische Zu- sammenhänge besteht. In diesem Sinne haben Theorien den Anspruch Sachverhalte zu erklären (zur Debatte: Mackert 2006, 61 ff.). Diese Erklä- rung muss schließlich an der Realität überprüfbar sein, d. h. eine Korrespondenz in der empirischen Wirklichkeit finden, ansonsten wäre sie wertlos. Eine Theorie, die unüberprüfbare Aussagen ent- hält, ist für die Wissenschaft nutzlos (bspw. eine Theorie, die als Ursache für bestimmte Phänomene „Gottes Willen“ angibt, wäre unbrauchbar, da man Gott in der Regel keinen Sozialforscher vorbei schicken kann, der ihn über seinenWillen befragen könnte). Eine Theorie ist die systematische und nachvollziehbare Annahme für eine Beobachtung, die sich auf reale Sachverhalte bezieht. Anhand
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