Handbuch 5. Auflage
Quantitative Forschung 1305 einer Theorie kann man reale Sachverhalte be- schreiben, erklären und verstehen. Dies trifft zuerst einmal sowohl auf den Alltag als auch auf die Wis- senschaft zu. Wissenschaftliche Theorien unter- scheiden sich jedoch zum einen von Alltagstheo- rien dadurch, dass sie sich auf eindeutig definierte Begriffe beziehen und zum anderen vor allem auch dadurch, dass sie auf Werturteile verzichten (Bab- bie 2007, 10 f.). Wissenschaft hat keine Wertede- batte zu führen; es ist nicht ihre Aufgabe, Moral und Weltanschauung zu verbreiten, z. B. nicht zu entscheiden, ob der Liberalismus oder der Sozialis- mus wünschenswerter ist. Ein Beispiel für eine Theoriebildung, ausgehend von der Forschungsfrage „Gründe für eine frühe Familiengründung“: Es können zwei sich in diesem Fall widersprechende Theorien zur Erfassung der Kontingenz von Lebenslaufstrukturen herangezo- gen werden: Erstens die historische Kontingenz, die auf den Sachverhalt abzielt, dass individuelle Lebensläufe durch sozialstrukturelle, ungleiche Lebenschancen begrenzt werden; zweitens die indi- viduelle Kontingenz, die betont, dass Lebensläufe vor allem durch flexible und selbstverantwortliche Handlungsoptionen der Individuen geprägt sind. Anhand der beiden Theorien können zwei gegen- sätzliche Hypothesen aufgestellt werden: Zum ei- nen: Die Entscheidung für eine frühe Familien- gründung ist alsAusdruck vonOpportunitätskosten für Arbeitsmarktchancen zu sehen, in dem sich sozialstrukturelle, ungleiche Lebenschancen wider- spiegeln; zum anderen: die Entscheidung für eine frühe Familiengründung ist das Ergebnis einer ei- genen Lebensplanung von flexibel und selbstver- antwortlich handelnden Individuen (Micheel 2006; Schaeper /Kühn 2000). Sind für die Forschungsfragen keine entsprechen- den Theorien vorhanden bzw. unzureichend, müs- sen sie entwickelt werden. Konzeptualisierung, Operationalisierung und Messen Forschungsfragen, selbst wenn sie adäquat in be- stehende Theorien eingebunden sind, müssen not- wendigerweise weiterverarbeitet werden, damit sie für ein Forschungsprojekt handhabbar werden. Die Forschungsfrage bedarf der Konzeptualisie- rungen und Operationalisierungen. Bei der Kon- zeptualisierung geht es um die theoretische Klärung von Begriffen und Konzepten. In der Wissenschaft benutzt man oft Begriffe, die nicht eindeutig de- finiert sind, z. B. in der Soziologie den Begriff „Fa- miliengründung“: Die Bedeutung solcher, nicht eindeutigen Begriffe muss vorab, auch in Abgren- zung zu anderen Begriffen, geklärt werden. Als Bei- spiel eine Definition für „Familiengründung“: Es ist eine Lebensform, die mit der Geburt des ersten Kindes beginnt. Unter Operationalisierung versteht man die Über- setzung von theoretischen Begriffen und Konzepten in empirische Messinstrumente, d. h., dass man ge- naue Anweisungen zumMessen von beobachtbaren Sachverhalten (Indikatoren), die mit einem theo- retischen Konzept verknüpft sind, angibt. Beispiels- weise ist es nicht sinnvoll, in einem Fragebogen le- diglich die Forschungsfrage zu notieren und darauf zu hoffen, von den Befragten die „richtige“ Antwort zu erhalten, sondern aus der Forschungsfrage ein- zelne Indikatoren zu entwickeln, deren Beantwor- tung die ursprüngliche Forschungsfrage erhellt. Dabei wird schon oft Bezug genommen auf wen oder was ich erhebe, welche genaue Erhebungs- technik ich anwende, wie ist der Zeitaspekt der Erhebung (z. B. die Länge eines Interviews). Unter Berücksichtigung dieser Umstände kann ich rele- vante Indikatoren bestimmen, andere Indikatoren wiederum schon ausschließen. In der Forschungs- praxis bleiben an dieser Stelle die Operationalisie- rungen sehr grob, die Messanweisungen sehr unge- nau; erst im weiteren Forschungsprozess, bei der Konstruktion des Erhebungsinstrumentes, werden die Messanweisungen oft präziser. Zum Vorgang der Operationalisierung gehört es, die Variablen zu definieren, die Merkmalsausprä- gungen festzulegen und den Merkmalsausprägun- gen Zahlen zuzuweisen. Zu diesem Vorgang wurde bereits im Abschnitt zu den Variablen Bezug ge- nommen. Dort wurden auch bestimmte Regeln zum Bilden von Variablen dargestellt. Außerdem wurden Variablen aufgrund ihrer unterschiedlichen theoretischen und / oder statistischen Funktion de- finiert. Dies soll im Folgenden erweitert werden. In der empirischen Sozialforschung werden die Re- geln für die Zuweisung von Zahlen /Codes zu den Ausprägungen der Variablen als Messanweisungen bezeichnet. Das Erheben von Daten anhand dieser Variablen ist das eigentliche Messen von sozialen Sachver-
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