Handbuch 5. Auflage

1314 Hafeneger  (drohende) Privilegienverlust, Individualisierungs- und Flexibilisierungsfolgen, politische Unzufrie- denheit, antidemokratische Diskurse in Medien und Politik. Die Ursachen des Rechtsextremismus werden in den komplexen Zusammenhängen von Mikro- ebene, Mesoebene und Makroebene ebenso dis- kutiert wie auf der materiellen, politischen und sozialen Ebene. Neben dem konflikttheoretischen Ansatz haben vor allem die (sich verschärfenden) gesellschaftlichen Desintegrations- und Ausgren- zungsdynamiken (Desintegrationsansatz) mit ihren Folgen und Befürchtungen einen herausgehobenen Stellenwert in der analytischen Diskussion. So geht es in dem Langzeitprojekt „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ (Heitmeyer 2002–2008) bei der Ausprägung und Verbreitung von feindseli- gen Einstellungen um die Bedeutung von Ohn- machts-, Vereinzelungs- und Desintegrationserfah- rungen, um negative Anerkennungsbilanzen, um abnehmende Sicherheiten und zunehmende Ängste, Ungewissheiten und Unübersichtlichkeit. Bei der Herausbildung von Menschenfeindlichkeit sind vielfältige Einflüsse wie die „individuelle so- ziale Lage, kommunale Kontexte, unterschiedliche ökonomische Trends in einzelnen Regionen oder das gesellschaftliche Klima“ (Heitmeyer 2008, 20) zu beachten. Die einem interdisziplinären Ansatz verpflichteten sozialisationstheoretischen Analysen begreifen rechtsextreme Orientierungen bei Ju- gendlichen als Ergebnisse der von den Subjekten im Lebenslauf unternommenen Bearbeitungspro- zesse von (vor allem auch sozio-emotionalen) So- zialisationserfahrungen im Dreieck von Familie, Schule und Peers. In der empirischen Forschung ist in den letzten Jahren wiederholt – neben der organisations- und wahlzentrierten Perspektive – das rechtsextreme Einstellungspotenzial in der Bevölkerung gemessen worden; es werden Wahlanalysen angeboten, es gibt u. a. Ost-West-Vergleiche, Lokal- / Regional- studien, und der Blick wird vor allem auf die junge Generation gerichtet. Zahlreiche Studien zeigen das rechtsextreme Einstellungspotenzial und das Niveau (latenter) Menschenfeindlichkeit in der Gesellschaft, und je nach Anlage kommen sie zu unterschiedlichen Ergebnissen. Nach Stöss (2005) weisen die Studien je nach Art „der Erhebung zwi- schen 8 und 15% der deutschen Bevölkerung“ (61 ff.) mit einem geschlossenen rechtsextremen Weltbild aus; bei der Zustimmung und Akzeptanz zu einzelnen Bestandteilen rechtsextremen Den- kens liegen die Werte noch höher. Nach De- cker / Bräher (2006) ist mehr als jeder vierte Deut- sche ausländerfeindlich eingestellt und Heitmeyer (2008) ermittelt noch höhere Werte bei Fremden- feindlichkeit. Das „rechtspopulistische Potential“ lag bei ihm 2006 etwa bei 25% (Heitmeyer 2007) und weiter haben nach ihm „ökonomistische Ori- entierungen“ in der Bevölkerung hohe Zustim- mungswerte: „Die Befragungsdaten zeigen, dass über ein Drittel der Deutschen den Aussagen ten- denziell zustimmen, die Gesellschaft könne sich wenig nützliche Menschen (33,3%) und mensch- liche Fehler nicht (mehr) leisten (34,8%)“ (32). Die Verbreitung rechtsextremer Einstellungen fin- det sich in Ost- wie Westdeutschland, in allen Al- tersgruppen, bei Männern wie bei Frauen, bei WählerInnen aller Parteien, bei Gewerkschafts- und Kirchenmitgliedern; sie sind nicht nur – wie immer wieder öffentlich diskutiert – ein ostdeut- sches Problem und nicht nur ein Jugendphänomen. Bezogen auf die junge Generation ist es nach den Daten des DJI-Jugendsurveys (Kleinert / de Rijke 2001) abhängig von der Definition, wie hoch die Einstufung von Befragten als rechtsextrem ist. Je nach der „Härte“ der Definition liegt der Prozent- satz der rechtsextrem eingestellten 16- bis 19-Jäh- rigen entweder zwischen 3% (West) und 6% (Ost) oder zwischen 11% (West) und 24% (Ost). Unterschiedlich angelegte biografische Studien ver- weisen auf die herausragende Bedeutung von All- tagserfahrungen (und kumulative Probleme) der Jugendlichen in Familie, Schule, Arbeit und Aus- bildung sowie der „Peer Group“. So sind rechts- extreme Orientierungen und Gesellungsformen bei Jugendlichen – in ihrer adoleszenten Suche und dem Aufbau von Identität – immer auch ein Inte- grationsmedium und, als durch sozialräumlich ge- gebene Gelegenheitsstrukturen und Milieukon- texte, subjektive Versuche zu verstehen, mangels anderer bzw. fehlender Entfaltungs- und Integrati- onsmöglichkeiten hier Anerkennung zu erfahren und Handlungsfähigkeit zu erlangen. Einige Stu- dien untersuchen die komplexen Einstiegs- und Ausstiegsprozesse, den Affinitätsaufbau und -abbau in rechtsextreme Zusammenhänge mit den viel- schichtigen Sozialisationshintergründen und Moti- ven von Jugendlichen. Für die Einstiege und Ver- festigungen wird vor allem die Bedeutung von

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