Handbuch 5. Auflage

1316 Hafeneger  „Seit 1998 verzeichnet der Osten einen überdurchschnitt- lichen Organisationsgrad, seither erzielen die rechtsextre- mistischen Parteien in den neuen Bundesländern bessere Wahlergebnisse als in den alten Bundesländern, und seitdem sind die Ostdeutschen anfälliger für rechtsextre- mistische Einstellungen als die Westdeutschen.“ (Stöss 2005, 113) Der deutsche Rechtsextremismus ist taktisch und in seinen politischen Strategien durchaus beweg- lich; er versucht mit seinen ideologischen Angebo- ten, Aktivitäten und dem Aufnehmen von Stim- mungen in der Bevölkerung für diejenigen attraktiv und funktional zu sein, die sich auf die „Schatten- seite der Modernisierung“ gedrängt fühlen. Jugendszene Mit der Verjüngung des rechtsextremen Lagers ha- ben sich unterschiedliche subkulturelle Phänomene und Gruppierungen wie Skinheads, neonazistische Gruppen, Freie Kameradschaften, Autonome Na- tionalisten und eine jugendkulturelle Szene (Cli- quen) herausgebildet. Die alten hierarchisch und paramilitärisch strukturierten Jugendzusammen- schlüsse wurden in den letzten Jahren durch infor- melle und bewegungsförmige sowie auch militante und gewaltaffine (gewaltbereite und gewalttätige) Gruppierungen ergänzt. Die Tat- bzw. Täterprofile zeigen, dass die rechtsextrem, fremdenfeindlich und antisemitisch motivierten Delikte (Straf- und Gewalttaten) überwiegend von männlichen Ju- gendlichen und jungen Erwachsenen sowie in Gruppen verübt werden; sie haben sich in den letzten Jahren bei über 15.000 stabilisiert. Die jugendkulturelle – vor allem maskuline – Cli- quenszene mit ihren informellen Strukturen, ihrem Lebensstil und Outfit, ihren Eigenwelten mit Mu- sik, Treffgelegenheiten und Veranstaltungen, ihrer Protestmentalität und ideologischen Prägung, ih- ren Symbolen und Codes ist in der Geschichte des jugendlichen Rechtsextremismus ein neues und flächendeckendes Gesellungsphänomen vor allem in ländlichen Regionen (Hafeneger / Becker 2007a). Herausgebildet hat sich mit Beginn der 1990er Jahre eine „Erlebniswelt Rechtsextremis- mus“ (Glaser / Pfeiffer 2007) mit einem „rechten Jugendalltag“, der mit seiner Musik, mit Partys, Alkohol, Fußball und Rechtsrock-Konzerten bis hin zu Aufmärschen und Wehrsportübungen zu einem festen Bestandteil der jugendkulturellen Landschaft geworden ist und zur mentalen Prägung und Vergemeinschaftung eines (quantitativ schwer einzuschätzenden) Teils der jungen Generation beiträgt. Entwickelt hat sich eine rechtsextreme Ei- genwelt und ein „Lifestyle“ mit Kleidung, Sym- bolen, Events, Medien (Internet, Handy-Kom- munikation) und eigenen Vertriebsnetzen. Vor allem die Musik (Rechtsrock, Bardenmusik) popu- larisiert und verdichtet die kulturelle Einbindung, und als Freizeitangebot ist sie mit Elementen wie Unterhaltung, Gruppenzugehörigkeit, Lebens- gefühl und politischer Ideologie zu einem „Träger von Botschaften“ und „Abgrenzungen von der Er- wachsenenwelt“ geworden (Glaser / Pfeiffer 2007, 36 ff.). Die Jugendkultur der Skinheads – in ihrem rechtsextremistischen Segment – ist vor allem in den östlichen Bundesländern präsent und aktiv; sie ist „für Jugendliche weiterhin zentrales Attraktions- moment für rechten politischen Extremismus, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus und Gewalt auch in ihren zunehmenden symbolischen Ver- deckungen und Stilmischungen“ (Möller / Schuh- macher 2007, 27). Der organisierte Rechtsextre- mismus – und hier vor allem die NPD – versucht an diese kulturellen Trends, Aktionsformen und bewegungsförmigen Elemente von Kameradschaf- ten, Autonomen Nationalisten und Jugendkultur anzuknüpfen und mit Lifestyle-Angeboten, mit Musik („CD-Schulhofverteilaktionen“) Jugend- liche und junge Erwachsene zu erreichen, zu rekru- tieren und zu binden. Soziale Arbeit, Jugendarbeit und Zivilgesellschaft In der politischen Auseinandersetzung mit Rechts- extremismus geht es um basale strukturelle Fragen für westliche moderne Gesellschaften: den Zustand und die Entwicklung der Demokratie und politi- schen Kultur, die soziale Integration und das soziale Klima des Zusammenlebens, somit um die öko- nomischen und sozialen Probleme sowie deren kollektive und individuelle Verarbeitung. Vor die- sem Hintergrund wird begründet, dass alle politi- schen und gesellschaftlichen Kräfte und Akteurs- gruppen – auf allen Ebenen und in ihren Zuständigkeitsbereichen – herausgefordert sind,

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