Handbuch 5. Auflage

Rechtsextremismus 1317 sich „mit langen Atem“ mit Demokratie gefähr- denden Tendenzen auseinanderzusetzen: Das gilt für Politik, Medien, Zivilgesellschaft, Justiz, Päd- agogik und Kultur. Soziale Arbeit, Jugendarbeit und politische Bildung sind seit Anfang der 1990er Jahre mit rechtsextre- men Phänomenen unter Jugendlichen befasst. Vor allem von Bundesseite wurden zahlreiche – z.T. wissenschaftlich begleitete – Maßnahmen, Pro- gramme und zeitlich befristete Modellprojekte auf- gelegt, die sich primär jugendzentriert mit dem Rechtsextremismus auseinandergesetzt haben (Ly- nen van Berg / Roth 2003). Dazu zählt neben zahl- reichen Landesprogrammen das „Aktionspro- gramm gegen Gewalt und Aggression“ (AgAG) des Bundes in den 1990er Jahren; dann das Förderpro- gramm der Bundesregierung „Jugend für Toleranz und Demokratie – gegen Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus“ von 2001 bis 2006 mit den drei Teilprogrammen „CI- VITAS“, „entimon“ und „Xenos“. Im Jahr 2007 starteten die beiden Programme „Vielfalt tut gut“ und „kompetent. für Demokratie – Beratungsnetz- werke gegen Rechtsextremismus“; ebenso wurde „Xenos“ wieder aufgelegt. Während sich das AgAG- Programm im Schwerpunkt auf jugendliche Ziel- gruppen konzentrierte, die rechtsextrem orientiert und gewaltbereit waren, zielen die Folgeprogramme mit einem Paradigmenwechsel vor allem auf außer- schulische Jugend- und Bildungsarbeit, auf die Stärkung der Zivilgesellschaft, den Aufbau von Vernetzungsstrukturen und Beratung. Sie bleiben trotz der veränderten Ausrichtung und breiten An- lage aber weitgehend jugendfixiert und zielen kaum in die „Mitte der Gesellschaft“. Aus der Begleitforschung werden die Erfolge und Grenzen solcher Programme deutlich. So wird u. a. auf die personellen, institutionellen und sozial- strukturellen Kontextbedingungen verwiesen, die Grenzen und Barrieren für eine gelingende Pro- jektarbeit markieren; es wird aber auch auf die vielen kleinen, wenig spektakulären Erfolge vor Ort verwiesen. Gewarnt wird vor überhöhten Er- wartungen an ehrenamtliches Engagement und angemahnt wird eine beruflich qualifizierte und kontinuierliche Arbeit, die sich auch mit sozialen Problemstrukturen auseinandersetzt. Danach kann aus der Sicht von Sozial- und Jugendarbeit nur eine kompetente Professionalität die rechten Eigenmi- lieus der Jugendlichen erreichen, gefährdete Ju- gendliche ansprechen, neue Erfahrungen ermögli- chen und sich verändernde Orientierungen begleiten, die die Entwicklung sozialer und mora- lischer Kompetenzen fördern. In der Auswertung von CIVITAS (Lynen van Berg et al. 2007) wird in der Auseinandersetzung mit dem lokalen Rechts- extremismus u. a. ein „gegnerschaftsfixierter An- satz“ von einem „offen moderierenden Ansatz“ unterschieden. Während Ersterer auf eine direkte Bekämpfung des Rechtsextremismus fokussiert, will der zweite Ansatz zu einer demokratischen Auseinandersetzung befähigen und Prozesse der „Entwicklung einer demokratischen Zivilgesell- schaft“ (38) sowie deren Selbstorganisationspoten- ziale moderieren. Aus den Praxiserfahrungen und dem Evaluations- wissen aus Programmen und Projekten werden als zentrale Erkenntnisse und Schlussfolgerungen für eine kompetente und langfristig angelegte soziale Arbeit und Pädagogik mit Jugendlichen angeboten: präventiv und nachhaltig vorzugehen; Geh-Struk- turen zu entwickeln und auszubauen, biografisch frühzeitig anzusetzen, Jugendliche in der „Mitte der Gesellschaft“ ebenso anzusprechen wie bereits rechtsextrem orientierte Jugendliche; vielfältige Dimensionen von Menschenfeindlichkeit – wie sie z. B. im GMF entwickelt wurden – sowie ge- schlechtsspezifische Anfälligkeiten zu beachten; Prozesse der Distanzierung und des Ausstiegs an- regen, begleiten und mit Integrationsoptionen auf soziale (Re-)Integration zielen; Vernetzung von Akteuren und Stärkung zivilgesellschaftlicher Kräfte; Opferberatung und Beratung von Eltern sowie Fortbildung von relevanten Akteuren (aus Politik, Verwaltung, Schule, Sozial- / Jugendarbeit, Polizei und Gemeinwesen). Weiter zeigen die Er- fahrungen, dass nachhaltige Erfolge sich nur in langfristigen und kontinuierlichen Projekten her- stellen, und sie daher auf Dauer einzurichten sind. Wenn rechtsextremen Gruppen und Akteuren das „Feld der Beeinflussung“ nicht überlassen werden soll, dann braucht die Jugend- und Sozialarbeit für ihre präventive Arbeit und die kommunale und zi- vilgesellschaftliche Integration von Kindern und Jugendlichen – neben den Projekten – eine Regel- versorgung sowie eine gesicherte Förderung zivilge- sellschaftlicher Akteure. In der Pädagogik und sozialen Arbeit haben sich zahlreiche Begründungslinien und Konzeptvari- anten herausgebildet. Sie reichen von der „anti

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