Handbuch 5. Auflage
Religionen und Soziale Arbeit 1321 Herkunft aus der Geschichte des Christentums In den westlichen Gesellschaften haben wirkmäch- tige biblische Bilder die Folie geliefert, auf der sich spezifische Muster des Umgangs mit Menschen in Notlagen und am Rande der Gesellschaft heraus- bildeten. Zu ihnen gehört das Bild vomMenschen- sohn als Weltenrichter, der bei seinem Kommen in eschatologischer Zeit die Menschen rechts und links von sich versammelt und den einen das ewige Heil und den anderen die ewige Verdammnis zu- spricht. Zu ihrer Überraschung eröffnet er ihnen, dass die einen ihn selbst aufgenommen, gepflegt, betreut und im Gefängnis besucht hätten, die an- deren ihm aber die Hilfe verweigert hätten. Auf die ungläubige Nachfrage, wann dies denn geschehen sein könne, erfahren sie, dass es ihr Umgang mit den Notleidenden war, der über ihr Heil oder Un- heil entschieden hat. Denn – so eröffnet ihnen der Weltenrichter –: „Was ihr für einen meiner ge- ringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt. 25,40b), und: „Was ihr für einen dieser Ge- ringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan“ (Mt. 25,45b). Ein zweites Bild, das sich in das kollektive Gedächtnis der vom Chris- tentum geprägten Gesellschaften eingegraben hat, ist das vom Samariter, der sich über die ethnische Grenze hinweg dem in Not geratenen Fremden zu- wendet, ihn rettet und für ihn eine effektive Hilfe organisiert. Wenn die zum Kult eilenden Priester und Volksgenossen den Verletzten links liegen las- sen, so greift die Geschichte das schon im Alten Testament grundgelegte Motiv der Kultkritik auf, die vom Wohlgefallen Gottes, „an Liebe, nicht an Schlachtopfer, Gotteserkenntnis statt Brandopfer“ (Hos 6,6) spricht (Zenger 2006). Historisch weit- reichende Wirkungen entfaltet der für das Lukas- evangelium charakteristische Gedanke, dass die Reichen eigentlich schon im Diesseits ihre Abgel- tung erfahren haben und ihnen nur die tatkräftige Unterstützung der Armen die für sie besonders schmale Pforte zum Heil öffnen könne (Ebner 2008). Die Reziprozität – das Grundmuster antiker Sozialbeziehungen – wird im Lukasevangelium durch Gott selbst hergestellt, wenn er die Waag- schale zu Gunsten der Armen füllt. Für den Aufstieg des Christentums von einer jü- dischen Sekte aus dem fernen Palästina zur Reli- gion des römischen Reiches in nur drei Jahrhun- derten hat eine zentrale Rolle gespielt, dass die Christen in den verheerenden Epidemien des 2. und 3. Jahrhunderts auf alternative Weise zu ihrer heidnischen Umgebung mit ihren Kranken um- gingen und Netzwerke der Hilfe zu stabilisieren vermochten (Stark 1997, 83–109). In den Wirren der Völkerwanderung schrieb Benedikt in seinen Regeln den Klöstern vor, die Fremden und Notlei- denden wie Christus aufzunehmen und institutio- nelle Vorkehrungen der Hilfe im Klosterareal vor- zusehen. Neben den Klöstern waren es die Bischöfe, die von den frühen Synoden verpflichtet wurden, sich als „Vater der Armen“ zu begreifen, ein Viertel des Kirchenguts für die Armenhilfe auszugeben und Xenodochien einzurichten (Gatz 1997). Im Hochmittelalter entwickelte sich das Almosen zu einer theologisch hochlegitimierten Institution, die einen „heilsökonomischen“ Aus- gleich zwischen Arm und Reich schaffte und ihre praktische Ausformung sowohl in der persönli- chen Gabe an die Armen wie im Stiftungswesen fand. Die freiwillig gewählte Armut der Bettelor- den trug dazu bei, dass die Armen Teil der mittel- alterlichen Ordnung und Gesellschaft blieben und eine gewisse Sakralisierung sie vor Stigmatisierung schützte. Allerdings war die Hilfe wenig am per- sönlichen Schicksal der Armen orientiert, sondern hatte primär die Sicherung des eigenen Heils im Blick. Auf der Grundlage von Hospital und Almo- sen bekam die Armenpflege in den aufstrebenden Städten des Mittelalters eine neue Richtung, inso- fern sie als Aufgabenfeld des Stadtbürgertums eine Verbürgerlichung erfuhr. Im 15. und 16. Jahr- hundert verband sich mit der Verbürgerlichung der Armenhilfe ein Prozess, den Sachße und Tenn- stedt unter den Begriffen Kommunalisierung, Ra- tionalisierung, Bürokratisierung und Pädagogisie- rung zusammenfassen (Sachße /Tennstedt 1980, 30–33). Die städtischen Räte traten bei der Ver- gabe der Almosen neben bzw. an die Stelle kirchli- cher Akteure, die städtischen Armenordnungen unterwarfen die Armenfürsorge einer stärkeren Reglementierung, eine städtische Armenverwal- tung entstand und Einschränkungen und Verbote des Bettelns setzten sich durch. Stärker als die Forschung bisher betont hat, entwickelten sich im Reformationszeitalter drei sehr unterschiedliche, religiös begründete Wege, mit Armut und Unter- versorgung umzugehen (Kahl 2009). Die Diffe- renz bezog sich zentral auf die Rolle der Arbeit für
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