Handbuch 5. Auflage
1322 K. Gabriel die Armen und die Armenhilfe. Die katholische Antwort verblieb in der mittelalterlichen Logik, sich den Armen aus Gründen der individuellen Heilssicherung zuzuwenden, denn Grundlage der Rechtfertigung blieben neben dem Glauben die guten Werke. Entsprechend wurde im katholi- schen Einflussbereich das Betteln nicht verboten und das Almosengeben galt als religiös-moralische Pflicht. Institutioneller Träger der katholischen Hilfedogmatik war das kirchliche Hospital, das vom Almosen getragen gleichzeitig als Stätte reli- giöser Bildung und Kontrolle der Armen fungierte. Während Sigrun Kahl die katholische Antwort unter dem Titel „Feed the poor, get saved“ (269) zusammenfasst, stellt sie die lutherische Antwort unter das Motto „Bread first, work second“ (272). Luther gab der Arbeit einen neuen, verbesserten Status und rückte sie in den Blickwinkel der Über- windung der Armut. Dadurch geriet Armut in den Geruch der Faulheit und das Betteln in den Ver- dacht der Erpressung. Luthers Rechtfertigungs- lehre entzog der Institution des Almosens als Ort der Heilsökonomie die Grundlagen. Die Armut verlor damit ihre für das Mittelalter typische reli- giöse Dimension. In der lutherischen Tradition erhielt der Staat die Pflicht, die Gesellschaft vor unberechtigten Ansprüchen der Armen zu schüt- zen, gleichzeitig den wirklich Bedürftigen zu hel- fen. In Kooperation mit der Kirche wurde in lu- therisch geprägten Staaten die Armenhilfe zentralisiert und laisiert. Gleichzeitig folgte man bei der Einführung von Arbeitshäusern dem calvi- nistischen Vorbild. Im reformierten Protestantis- mus galt das Motto „Work for your own bread“ (Kahl 2009, 276). Im Rahmen der Prädestinati- onslehre Calvins und dem reformierten Arbeits ethos kam es zur weitreichendsten Transformation der mittelalterlichen Einstellung zu Armut und den Armen. Ohne jede Möglichkeit, durch gute Werke gegenüber den Armen das eigene Heil si- cherzustellen, wurde die Suche nach Anzeichen des Heils desto drängender. Während durch eine disziplinierte Lebensführung errungener Reich- tum als sicherstes Zeichen der Erwählung galt, wurde die Armut zum primären Indikator für die Verdammnis. Im Calvinismus wurde der Zielkon- flikt zwischen der Sicherstellung des Unterhalts für die Armen oder sie zu zwingen, für den eige- nen Unterhalt zu arbeiten, eindeutig zu Gunsten des Arbeitszwangs entschieden. In der calvinisti- schen Tradition bildeten sich zwei Arten von Ar- beit heraus: Arbeit als Berufung zu einem diszip- linierten, erfolgreichen Leben für die Erwählten und Arbeit als disziplinierende Mühe und Strafe für die Armen. Die Institution, in der die refor- mierte Einstellung zu Arbeit und Armut ihren spezifischen Ausdruck fand, war das Arbeitshaus. In den Ländern mit einem hohen calvinistischen Einfluss wie den Niederlanden, England und den USA fand das Arbeitshaus entsprechend seine frü- heste und weiteste Verbreitung. Nach dem Motto „Hilf Dir selbst, so hilft Dir Gott“ betonte die re- formierte Tradition die Selbstverantwortung des Einzelnen für sein Schicksal. Die Armenhilfe blieb Aufgabe des mit disziplinierender Korrektur ver- bundenen Eingriffs der Gemeinde der Gläubigen. Anders als im Luthertum erhielt die öffentliche Verantwortung des Staates keine religiöse Legiti- mation. Hier förderten Calvinismus und Katholi- zismus – mit sehr unterschiedlichen Begründun- gen – eine ähnliche antietatistische Kultur: Der Selbstverantwortung des calvinistischen Gläubi- gen entsprach im Katholizismus die subsidiär be- gründete Betonung der Verantwortung des einzel- nen und seiner Familie als den kleinsten organologischen Einheiten. Bei der Frage nach der Bedeutung des religiösen Faktors für die Tiefenstrukturen der Sozialen Ar- beit in den westlichen Gesellschaften sind – so lässt sich zusammenfassen – zwei Ebenen zu un- terscheiden. Zum einen entwickelte sich auf der Grundlage der Überzeugung der Gottesebenbild- lichkeit aller Menschen und ihrer Erlöstheit durch Jesus Christus die Vorstellung der prinzipiellen Gleichheit aller und der zentralen Bedeutsamkeit jedes Einzelnen (Kaufmann 1989, 98–102). In scharfer Differenz zu ostasiatischen Kulturen – so Rieger und Leibfried – hebt das jüdisch-christli- che Gottesbild „den Wert des Selbst enorm und betont den grundsätzlichen, durch nichts aufheb- baren Vorrang des Individuums vor der Gemein- schaft“ (Rieger / Leibfried 2004, 155). Auf einer zweiten Ebene sind es die drei großen christlichen Konfessionen, die – auf der Grundlage gemein- samer Wurzeln – differente Modelle des Umgangs mit den Armen hervorbrachten. Deren Wirkung beschränkte sich keineswegs auf den engeren Be- reich konfessioneller Akteure. Vielmehr ent- wickelte sich der frühmoderne Staat in Europa als Konfessionsstaat. In seinem Rahmen erhielten die
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