Handbuch 5. Auflage

Religionen und Soziale Arbeit 1323 religiös-konfessionellen Modelle des Umgangs mit den Armen typische institutionelle Kristalli- sationen – vom katholischen Hospital bis zum calvinistischen Arbeitshaus. Wie die neuere For- schung zu zeigen vermag, reicht der Einfluss der Konfessionen bis zu den unterschiedlichen Pfaden sozialstaatlicher Entwicklung in Europa, so dass sich ohne Berücksichtigung des religiösen Faktors die Typologie europäischer Wohlfahrtsstaatlich- keit der Erklärung weitgehend verschließt (Kauf- mann 1989; Kersbergen 1995; Manow 2008). Religionen und Soziale Arbeit im Umbruch zur Moderne: die Ausbildung der dualen Wohlfahrtspflege in Deutschland In ihrer institutionellen wie in ihrer beruflichen Dimension liegen die Ursprünge der Sozialen Ar- beit in Deutschland im 19. Jahrhundert. Später als in England und Frankreich setzte in Deutschland der Prozess der Industrialisierung ein und führte im Gefolge der wirtschaftlichen Liberalisierung zu einem Zusammenbruch traditioneller Lebensfor- men und Sorgeverbände. Das Scheitern der Revo- lution von 1848 hatte zur Folge, dass sich die Mo- dernisierung in Deutschland in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts weitgehend von oben, als staatliches Programm vollzog. Sie war mit Hun- gersnöten auf dem Land und Massenelend in den schnell wachsenden Städten verbunden. Deutsch- land blieb auch im 19. Jahrhundert ein konfessio- nell gespaltenes Land, wobei das Luthertum inner- halb des Protestantismus klar dominierte und die Katholiken im von Preußen ausgehenden deut- schen Einigungsprozess in den Status einer natio- nalen Minderheit gerieten. Der Umbruch zur Moderne war – entgegen üblicher Annahmen und Klagen der Kirchen – nicht mit einer Zurückdrän- gung der Religion verbunden (Blaschke /Kuhle- mann 1996). Die Katholiken begannen sich – durch die Säkularisation von 1803 ihrer bisherigen Kir- chenstrukturen oberhalb der Gemeindeebene be- raubt – entlang der Konfessionszugehörigkeit poli- tisch und sozial defensiv zu organisieren. Der caritative Katholizismus, der sich ab der Mitte des Jahrhunderts entwickelte, bildete einen gewichti- gen Teil des Katholizismus als milieugeprägte Sozi- alform mit enger Bindung an die neu erstarkte, zunehmend ultramontan auf Rom ausgerichtete kirchliche Hierarchie (Maurer 2008). Im lutherisch geprägten Mehrheitsprotestantismus formierten sich zum einen auf spätaufklärerischer und huma- nistischer Grundlage Vereine mit sozialer Zielset- zung, zum anderen entwickelte sich eine starke, neupietistische Erweckungsbewegung, für die die christliche Liebestätigkeit als Reaktion auf den Pauperismus eine zentrale Rolle spielte (Kaiser 2008, 282). Auch innerhalb der bürgerlichen sozi- alreformerischen Kräfte des 19. Jahrhunderts war der religiöse Faktor von gewichtiger Bedeutung, wobei die Grenzen zum aufgeklärten Protestantis- mus fließend blieben. Für Protestantismus und Katholizismus des 19. Jahrhunderts lassen sich parallele, sich wechsel- seitig beeinflussende Entwicklungen beobachten. Auf protestantischer wie katholischer Seite nutzte man die bürgerliche Vereinsbewegung zur Mobili- sierung der religiösen Kräfte mit dem Ziel der Lin- derung des Massenelends und der Stärkung des sozialen Zusammenhalts in der Gesellschaft. Im Protestantismus deutlicher als im Katholizismus verfolgte man dabei eine doppelte Zielsetzung: Ei- nerseits ging es um die Rechristianisierung und die Rückgewinnung der von der Kirche entfremdeten verarmten Massen, andererseits hatte man die kon- krete Hilfe für die Notleidenden und für die durch das Großstadtleben Gefährdeten im Blick. Nicht zufällig gab Johann Hinrich Wichern seinem im Angesicht der Revolution von 1848 gegründeten Werk den Namen „Innere Mission“ (Olk /Heinze 1981; Kaiser 2008, 282 f.; Herrmann et al. 2007). Auf katholischer Seite konnte man sich stärker auf die caritative Arbeit beschränken, da im weitver- zweigten katholischen Vereinswesen die religiös- missionarische Arbeit in der Hand anderer Vereine lag. In beiden Konfessionen dominierte als frühe Reaktion auf den gesellschaftlichen Umbruch die Einschätzung der neuen Massenarmut als ein in erster Linie religiöses, durch den Abfall vom Chris- tentumhervorgerufenes Problem, das entsprechend mit religiösen Mitteln und mit Strategien der Re- christianisierung zu bekämpfen und zu beheben sei. Im Katholizismus wie im Protestantismus des 19. Jahrhunderts entwickelten sich Vorformen ei- ner professionellen Sozialen Arbeit. Neben dem umfangreichen caritativen Vereinswesen in Gestalt

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