Handbuch 5. Auflage

1324 K. Gabriel  von Vinzenz- und Elisabethenvereinen war der ca- ritative Katholizismus durch eine explosionsartige Ausbreitung von caritativen Kongregationen ge- prägt (Maurer 2008, 25 ff.). Von französischen Kongregationen wie den Barmherzigen Schwestern gegründet oder beeinflusst, entwickelte sich eine Vielzahl von caritativen Kongregationen, die in der Krankenpflege, aber auch in der Kinder- und Ju- gendhilfe und in der Armenhilfe tätig wurden. Das Wachstum setzte sich über das gesamte 19. Jahr- hundert hin fort und wurde auch durch den Kul- turkampf kaum beeinträchtigt. Catherine Maurer verweist auf eine Zahl von 49.508 Ordensmitglie- dern caritativer Kongregationen bis zum Beginn des 1. Weltkriegs (Maurer 2008, 27). Die Kongre- gationen boten den Rahmen für eine lebenslange, religiös geprägte berufsähnliche Tätigkeit im cari- tativen Bereich. Für katholische Frauen mit einem Wunsch nach sozialer Tätigkeit über den engen Kreis der Familie hinaus war der Eintritt in eine Kongregation für lange Zeit alternativlos. Auf pro- testantischer Seite griff Theodor Fliedner Impulse aus dem katholischen caritativen Kongregations- wesen auf. 1836 gründete er mit seiner Frau Fride- rike in Kaiserswerth die erste Diakonissenanstalt und bildete evangelische Krankenpflegerinnen, Erzieherinnen und Heimleiterinnen aus. 1861 ge- hörten zum Kaiserswerther Mutterhaus bereits 27 Häuser mit 1200 Schwestern (Olk /Heinze 1981, 257). Schon 1833 hatte Wichern entscheidenden Anteil an der Gründung des Rauhen Hauses als „Rettungshaus für sittlich verwahrloste Kinder“ in Hamburg (Herrmann 2007, 345). Ab 1834 bildete Wichern seine Erziehungsgehilfen für das Rauhe Haus selber aus und avancierte mit seinen Schrif- ten, insbesondere aber mit seiner milieu- und fami- lienorientierten Arbeit im Rauhen Haus zu einem der Klassiker der Sozialpädagogik (Niemeyer 2005; 2007, 284) Auf katholischer wie auf evangelischer Seite setzte im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts eine stär- kere Zentralisierung, Rationalisierung, Verwis- senschaftlichung und Professionalisierung der ca- ritativ-diakonischen Arbeit ein, die sich zunächst dezentral in örtlichen Initiativen und in zersplit- terter Form entwickelt hatte (Olk / Heinze 1981, 262 ff.). Erst 1897 kam es im Katholizismus auf Initiative Lorenz Werthmanns zur Gründung des Deutschen Caritasverbands als deutschlandwei- tem Dachverband caritativer Aktivitäten, dem al- lerdings bis 1917 die offizielle Anerkennung der deutschen Bischöfe fehlte und dem zunächst auch nicht alle Diözesanverbände angehörten (Kaiser 1989; Maurer 2008, 45–146). Stärker auf Seiten der Inneren Mission als im caritativen Katholizis- mus verband sich der Aufbau eigener Einrichtun- gen und Initiativen mit dem gleichzeitigen Ein- bau in die Strukturen der kommunalen Armenpflege (Olk / Heinze 1981, 255–262). In beiden Konfessionen waren es dieselben Kräfte, die sowohl die Aktivierung und Modernisierung der kirchlichen Liebestätigkeit vorantrieben als auch für eine sozialstaatliche Verantwortung zur Lösung der sozialen Frage eintraten. Auf die tra- ditionelle Nähe des Luthertums zum Staat und seiner sozialen Verantwortung war oben schon hingewiesen worden. An der Person Johann Hin- rich Wicherns lässt sich die Nähe des protestanti- schen diakonischen Aufbruchs zum preußischen Staat deutlich aufweisen. So war Wichern seit der Mitte des 19. Jahrhunderts neben seiner Tätigkeit im Rahmen des Centralausschusses der Inneren Mission als Beauftragter und als Mitglied der preußischen Regierung tätig. Aus der neupietisti- schen Erweckungsbewegung, der auch Wichern nahestand, kamen zentrale Impulse zur weltweit ersten zentralstaatlichen Absicherung der Arbeiter gegen Krankheit, Unfall, Invalidität und Alter als Kernstücke der bismarckschen Sozialgesetzgebung (Ayass et al. 2003, XXIV–XXIX). Auf katho- lischer Seite diente der Verband „Arbeiterwohl“ als Plattform sowohl für die spitzenverbandliche Organisation und Modernisierung des caritativen Katholizismus als auch für die Neuorientierung des sozialen Katholizismus in die Richtung der Befürwortung der sozialstaatlichen Intervention zur Lösung der sozialen Frage (Maurer 2008, 46). So gehörte Franz Hitze, erster Generalsekretär des Verbands, sowohl zu den Gründungsmitgliedern des Deutschen Caritasverbands und des Volksver- eins für das katholische Deutschland als auch zu den führenden Sozialpolitikern des Zentrums. Hitze konnte sich in seiner Hinwendung zur sozi- alstaatlichen Intervention auf Bischof Ketteler berufen, der gegen Ende seines Lebens nicht mehr der Kirche allein, sondern nur dem Staat im Ver- bund mit der Kirche die Lösung der sozialen Frage zutraute (Iserloh 1975). Damit erhält die Grundkonstellation Konturen, die schließlich in der Ausbildung der dualen Wohlfahrtspflege als

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