Handbuch 5. Auflage

1334 Schweitzer  Überlieferung sollen jeweils auf die Erfahrungen von Kindern und Jugendlichen bezogen werden (sog. Erfahrungsorientierung, Kindorientierung usw., u. a. Englert 1985). Im Anschluss an die „realistische Wendung“ in der Pädagogik (Heinrich Roth) wird seit den 1960er Jahren auch für die Religionspädagogik eine stär- kere Beachtung empirischer Forschung gefordert (Wegenast 1968). Eine eigene religionspädagogi- sche Empirie ist aber noch kaum in Gang gekom- men (Überblick: Bucher 1995; Porzelt /Güth 2000, Beispiele s. Abschnitt zur empirischen For- schung), und die empirische Jugendforschung blendet Religion bei ihren Untersuchungen weit- hin aus (kritisch Schweitzer 1996). Die konstitu- tive Berücksichtigung von Ergebnissen der empiri- schen Sozialisationsforschung ist jedoch weithin zu einer selbstverständlichen Voraussetzung der Reli- gionspädagogik geworden. Religion als Dimension des Bildungsprozesses und als Thema der Pädagogik Im Gegensatz zur Geschichte der Pädagogik ist Religion heute nur noch selten Gegenstand einer eigenständigen Thematisierung durch die Pädagogik (dagegen Schweitzer 2003). In Hand- büchern der Sozialisationsforschung oder der Er- ziehungswissenschaft finden sich häufig keine auf Religion bezogenen Darstellungen. Selbst die Hin- wendung zu den Herausforderungen der Migration (Konsortium Bildungsberichterstattung 2006) hat noch nicht zu einem Bewusstwerden der religiösen Aspekte von Migrantenkulturen geführt. Dem ent- spricht es, wenn auch in der Allgemeinen Pädagogik Religion nur selten thematisiert und der Zusam- menhang von Bildung und Religion lediglich am Rande behandelt wird (z. B. Benner 1987; als Er- weiterung: Benner 1995). Die von der geisteswis- senschaftlichen und auch der frühen empirischen Pädagogik vertretene Auffassung, dass Bildung ohne Religion unvollständig sei und deshalb auch ein unerlässliches Thema der Allgemeinen Päd­ agogik darstelle (Flitner 1974), wird offenbar kaum mehr geteilt (anders etwa von Hentig 1992). Reli- giöse Erziehung wird dann lediglich als Spezial- interesse beispielsweise kirchlicher Träger oder als Thema der Theologie angesehen. Eine solche Sicht wird der Bedeutung von Religion für Erziehung und Erziehungswissenschaft jedoch nicht gerecht. Darauf verweist zu Recht die neuere Diskussion über Religion (und Theologie!) als „verdrängtes Erbe“ dieser Disziplin (Oelkers et al. 2003; Schweitzer 2003). Im Erziehungsprozess selbst stellen sich religiöse Fragen nach wie vor von der Entwicklung der Kinder und Jugendlichen her. Insbesondere folgende vier Problemkreise markieren nach wie vor bedeutsame Schnittpunkte zwischen Pädagogik und Theologie. Sie begründen ein „Recht des Kindes auf Religion“ und religiöse Be- gleitung (Schweitzer 2005): Die Frage nach Sinn 1. : Für Kinder und Jugendliche bricht diese Frage häufig erstmals angesichts von Tod und Sterben auf. Der Umgang mit dem Tod entscheidet mit darüber, wie wir leben. J. Korczak (1983, 40) spricht deshalb vom „Recht des Kindes auf seinen Tod.“ Die Frage der Gerechtigkeit 2. : Auch wenn Moral und Gerechtigkeit säkular begründet und ausgelegt werden können, besitzt diese Frage doch einen re- ligiösen Horizont. Für den Moralpsychologen und -pädagogen L. Kohlberg (1981, 307 ff.) beispiels- weise verlangt die Frage „ Why be moral – warum sich an moralische Normen halten? “ letztlich nach einer (religiösen) Lebensdeutung. Alle Hinweise auf den individuellen und gesellschaftlichen Nut- zen greifen am Ende zu kurz, wenn sie eine unbe- dingte Geltung von Normen und Werten auch mo- tivational begründen sollen. Gerade die in den letzten Jahren entbrannte Diskussion um den Le- benswert behinderter Kinder hat dies deutlich ge- zeigt. Die Frage nach mir selbst und nach meiner Identi- 3. tät : E. H. Erikson, einer der geistigen Väter des Identitätsbegriffs, war davon überzeugt, dass die Identitätsbildung für ihr Gelingen auf Sinn oder Religion angewiesen sei, weil das menschliche Ich letztlich ein göttliches Gegenüber erfordere (Erik- son 1968, 220). Auch das in der Pädagogik vertre- tene Verständnis von Identität als „Fiktion“ (Mol- lenhauer 1983, 158) lässt den potenziell religiösen Kern der Identitätsfrage erkennen: Identitätsbil- dung als ein Prozess des Transzendierens, der die Wirklichkeit auf geglaubte und erhoffte Möglich- keit hin überschreitet. Die Frage nach dem anderen mit seiner Religion 4. : Von früh auf begegnen Kinder anderen Kindern

RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=