Handbuch 5. Auflage
Religiöse Erziehung 1335 oder Erwachsenen, die nicht nur eine andere Natio nalität und Kultur besitzen, sondern eben auch eine andere Religion. Eine angemessene friedliche Wahr nehmung und Achtung z.B. muslimischer Kinder in Deutschland muss auch deren Religion oder Glau- benseinstellungen einschließen. Eine bloß inter kul- turelle Pädagogik greift deshalb zu kurz. Religion, so meine zusammenfassende These, ist als allgemeine Dimension von Erziehung und Bil- dung zu begreifen und deshalb auch als unvermeid- liches Thema der Pädagogik . Kinder haben ein Recht auf Religion und auf religiöse Begleitung . Religiöse Individualisierung – Fundamentalismus – Synkretismus: Religiöse Strömungen in der modernen Gesellschaft als pädagogische Herausforderung Zu den auch in der Öffentlichkeit am stärksten be- achteten und – vor allem seit dem 11. September 2001 – z.T. mit erheblichen Befürchtungen („Kampf der Kulturen“ u. ä.) verbundenen Er- scheinungen von Religion in der modernen Gesell- schaft sowie im globalen Horizont gehören diejeni- gen Formen von Religion, die der Moderne teils widersprechen, teils von dieser erst hervorgebracht werden. Unter den Voraussetzungen moderner, differenzierter und deshalb pluraler Gesellschaften nimmt Religion in dem Sinne eine „häretische Ge- stalt“ (Berger 1980) an, dass die Zugehörigkeit zu einer Kirche oder Religionsgemeinschaft sich nicht mehr von selbst versteht, sondern zur Frage einer bewussten Wahlentscheidung wird. Religion und Kirche treten auseinander – mit der Folge abneh- mender Kirchlichkeit, aber gleichbleibender oder sich intensivierender individueller Religion . Reli- giöse Erziehung muss sich zunehmend auf die reli- giöse Individualisierung einstellen, wenn sie die Kinder und Jugendlichen nicht verfehlen will. Die z.T. noch verbreitete Annahme einer Säkulari- sierung wird demgegenüber gerade in der (Religi- ons-)Soziologie zunehmend skeptisch beurteilt (Kaufmann 1989; Gabriel 1993; Luhmann 2000). Die Erwartung, dass Menschen sich immer weni- ger für Religion interessieren würden, hat sich bis- lang nicht erfüllt. Auch die internationale Diskus- sion bspw. über Globalisierung und Religion (Beyer 1994; Casanova 1994) geht davon aus, dass eine zunehmende religiöse Individualisierung einerseits und andererseits doch eine teilweise (wieder-)er- starkende öffentliche Bedeutung von Religion u. a. im Verhältnis zur Politik (Neue Rechte in den USA, religiöse Öko- und Friedensbewegungen in Europa, ethnische und migrationsbezogene Ent- wicklungen usw.) zu erwarten sind. Für die neuere Religionssoziologie steht die Zukunftsbedeutung von Religion auch dort, wo nicht von einer „Wie- derkehr der Religion“ die Rede ist, weithin außer Zweifel (Joas 2004). Synkretistische Religionsformen , bei denen in Gestalt einer sog. Bricolage Elemente aus unterschiedli- chen religiösen Traditionen gemäß persönlicher Bedürfnisse zusammengefügt werden, stellen in der modernen Gesellschaft typische religiöse Er- scheinungen dar (Drehsen / Sparn 1996). Sie ent- sprechen dem auch sonst in der postmodernen Ju- gendkultur beobachteten Trend zur Bricolage bei Ästhetik und Outfit. Eine andere Variante bilden fundamentalistische Religionsformen , die der Plurali- tät die Gewissheit festliegender Glaubensüberzeu- gungen entgegenstellen (Dressler et al. 1995; Kühn et al. 1998). Seit den 1970er Jahren wird viel über sog. Sekten oder Kulte diskutiert, die eine Zeitlang (fälschlich) als „Jugendreligionen“ bezeichnet wurden (En- quete-Kommission 1998). Neue religiöse Bewe- gungen (Bhagwan-, Krishna-Bewegung, Moonies usw.) sowie stärker psychologisch ausgerichtete Gruppen und Organisationen (Scientology) üben einen quantitativ zwar begrenzten (maximal ca. 5 bis 10% der Jugendlichen fühlten sich selbst zu den Hochzeiten dieser Diskussion im weitesten Sinne angesprochen, etwa Schmidtchen 1987), aber offenbar doch dauerhaften Einfluss aus, der pädagogisch häufig problematisch ist. In diesen Zusammenhang gehört auch der wiederum fälsch- lich so bezeichnete Jugendokkultismus (Helsper 1992; Streib 1996). Mit dem Älterwerden der Mit- glieder, die z.T. zunächst als junge Erwachsene zu solchen Gruppen gestoßen sind, stellt die Situation und Erziehung von Kindern in solchen Gruppen ein wichtiges, aber nur selten thematisiertes Pro- blem dar (Eimuth 1996).
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