Handbuch 5. Auflage

1336 Schweitzer  Werterziehung, interkulturelles und interreligiöses Lernen Während in der Vergangenheit von der religiösen Erziehung u. a. von staatlicher Seite häufig ein Bei- trag zur Loyalitätsbildung und zur gesellschaftli- chen Ordnung erwartet wurde, treten solche Er- wartungen in einer zunehmend multikulturellen Gesellschaft weiter zurück (Diskussion s. Nipkow 1998). Ein Zusammenhang zwischen Religion und Wertorientierungen besteht jedoch auch weiter- hin – z.T. auch in gesellschaftskritischer Gestalt (Friedensbewegung, Ökologiebewegung usw.). In neuerer Zeit wird die Frage eines im Religionsdia- log zu erreichenden „ Weltethos “ (Hans Küng) auch pädagogisch stark beachtet (Lähnemann 1995), oder es wird nach abendländisch-christlichen Wer- tetraditionen („Werte Europas“) gefragt (Joas /Wie- gandt 2005). In multikulturellen Gesellschaften wird interkultu- relles Lernen zu einer eigens wahrzunehmenden Aufgabe auch der Sozialarbeit / Sozialpädagogik, nicht zuletzt auch angesichts rechtsextremistischer Tendenzen. Kultur besitzt aber auch eine grund- legende religiöse Dimension, die manchmal zwar – so in den westlichen Ländern – kaum (mehr) eigens hervortritt, z.T. sich aber – so in den islamischen Ländern – sehr deutlich in ihrer kul- turprägenden Kraft manifestiert und die deshalb auch in ihren Migrationsgestalten der Sozial- arbeit / Sozialpädagogik in Deutschland alltäglich begegnet. Inter kulturelles Lernen muss deshalb um die religiöse Dimension erweitert und ergänzt wer- den, wie es mit dem Begriff des inter religiösen Ler- nens gefordert wird (Schreiner et al. 2005). Gemeinde als pädagogische Herausforderung („Gemeindepädagogik“) Einerseits entspricht es bereits dem herkömm- lichen kirchlichen Selbstverständnis, dass zu Kirche und Gemeinde stets auch pädagogische Aufgaben der religiösen Unterweisung bzw., traditionell ge- sprochen, der Katechese gehören. Andererseits hat sich erst seit den 1970er Jahren die auch im Blick auf Sozialarbeit / Sozialpädagogik bemerkenswerte Gemeindepädagogik herausgebildet. Unter diesem Begriff, der vor allem im evangelischen Bereich ver- breitet ist (zu dem parallelen, aber inhaltlich z.T. anders ausgerichteten katholischen Begriff Ge- meindekatechese Bartholomäus 1987) und der auch eine eigene Disziplin bzw. einen besonderen Aus- bildungsgang bezeichnen kann, werden alle päd- agogischen Aufgaben der (Kirchen-)Gemeinde zu- sammengefasst. Damit soll deren Wahrnehmung u. a. im Verhältnis zur schulischen Religionspäd­ agogik verstärkt und die pädagogische Qualifika- tion der Arbeit verbessert werden. Die Herausbildung von Gemeindepädagogik voll- zog sich ungefähr zeitgleich besonders seit den 1970er Jahren in Ost- (Henkys 1987; Schwerin 1991; Reiher 1992) und in Westdeutschland (Adam/ Lachmann 1987; Foitzik 1992; Wegen- ast / Lämmermann 1994; Grethlein 1994), jedoch mit unterschiedlichen Akzentuierungen, die nicht zuletzt mit der Situation ohne schulischen Religi- onsunterricht in der DDR und einer sich verstärkt etablierenden schulischen Religionspädagogik in der damaligen Bundesrepublik verbunden waren. Neben den im engeren Sinne kirchlichen Angebo- ten etwa von Kindergottesdienst, Christenlehre und Konfirmandenunterricht gehören zur Ge- meindepädagogik auch die Bereiche von Familien- erziehung, Kindergarten, Jugendarbeit, Erwachse- nenbildung und Altenarbeit. Die Aufgaben der Gemeindepädagogik gehen damit über die religiöse Erziehung hinaus, schließen diese aber in jedem Falle ein. Der betont außer- und nicht-schulische Ansatz der Gemeindepädagogik bedingt eine besondere Nähe zu Sozialarbeit / Sozialpädagogik, die bislang aller- dings mehr im Blick auf einzelne Handlungsfelder und weniger hinsichtlich der wissenschaftlichen Konstitution von Gemeindepädagogik als über- greifender Disziplin wahrgenommen wird (trotz zukunftsweisender Ansätze etwa bei Degen et al. 1992; Foitzik et al. 1994, die fortgesetzt zu werden verdienten). Religiöse Erziehung im Spiegel der empirischen Forschung Auch wenn bereits einschränkend auf die geringe Zahl empirischer Untersuchungen zur religiösen Erziehung hinzuweisen war, gibt es doch eine Reihe beachtlicher Ansätze und Forschungsergebnisse (weitere Hinweise bei Schweitzer 2003; 2006).

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