Handbuch 5. Auflage

Religiöse Erziehung 1337 Theorien der religiösen Entwicklung Die religiöse Entwicklung im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter wird vor allem in der Psy- choanalyse (im Anschluss an S. Freud und C. G. Jung) und in der kognitiv-strukturellen Entwick- lungspsychologie (im Anschluss an J. Piaget und L. Kohlberg) untersucht (Überblick Schweitzer 2007). Im Bereich der Psychoanalyse stellt die Beschreibung des menschlichen Lebenszyklus mit seinen Krisen bei E.H. Erikson (1971; 1974) auch in religions- psychologischer Hinsicht eine Art Klassiker dar. Die von ihm – ausgehend vom Grundvertrauen im frühen Kindesalter über die Gewissensbildung in der mittleren Kindheit bis hin zur Identitätsbil- dung im Jugendalter – beschriebenen Entwick- lungsaufgaben besitzen jeweils auch eine religions- psychologische Komponente (Wright 1982). Untersuchungen z. B. zur Entwicklung des Gottes- bildes (Rizzuto 1979) bestätigen die These einer auf diese Entwicklungskrisen bezogenen, prinzi- piell aber sich über das gesamte Leben erstrecken- den religiösen Entwicklung. Die in der Freudschen Psychoanalyse sich fortsetzende religions kritische Linie (Erdheim 1990) erweist sich als zu eng, um den vielfältigen Verbindungen zwischen Religion und Entwicklung gerecht zu werden. So können etwa (religiöse) Passageriten zwar eine freie Ent- wicklung behindern, sind zugleich aber auch Vo- raussetzung gesunder Entwicklung im Jugendalter: Psychologisch gesehen ist Religion „ Chance und Risiko “ für die individuelle Entwicklung (Klosinski 1991; 1994). Starke Beachtung haben die kognitiv-strukturellen Stufentheorien der religiösen Entwicklung von J.W. Fowler (1989; 1991) und F. Oser (Oser /Gmünder 1984) gefunden. Ähnlich wie bei Piaget und vor allem bei Kohlberg werden hier Stufen der religiö- sen Entwicklung beschrieben, die von der Kindheit bis zum hohen Alter reichen. Während die Vor- stellung einer (religiösen) Stufenhierarchie zu Recht immer wieder kritisiert wird, stellt die Un- terscheidung zwischen den religiösen Verstehens- formen von Kindern, Jugendlichen und Erwachse- nen für die Pädagogik einen unverzichtbaren Gewinn dar (Diskussion: Nipkow et al. 1992). Religionsbezogene Biographieforschung Wie sehr sich das Interesse an Biographie religiösen Motiven verdankt, ist am Beispiel der klassischen Autobiographien von Augustinus und J.-J. Rous- seau leicht zu erkennen. Bis heute spielt Religion in zahlreichen (literarischen) Biographien eine wich- tige Rolle, die allerdings zumeist religionskritisch dargestellt wird. Nachdem Religion als kirchliche Religion und als Staats- oder Zivilreligion an Bedeutung verloren hat, erscheint die Lebensgeschichte religionssozio- logisch gesehen als zunehmend wichtiger Ort und Bezugspunkt religiöser Erfahrung (Wohlrab-Sahr 1995). Qualitativ-empirisch verfahrende, auf Reli- gion bezogene Untersuchungen zu Religion in der Lebensgeschichte belegen die lebensweltlich und lebenspraktisch bestimmte Form von Religion (z. B. Schöll 1992; zu weiblichen Biographien s. Klein 1994; Sommer 1998). Dabei beschränkt sich der religiöse Gehalt von Biographie keineswegs auf die in einer Lebensgeschichte vorkommende aus- drücklich religiöse Erziehung oder auf Begegnun- gen mit Kirche. Schon die Gestalt biographischer Selbstreflexion selbst kann insofern als implizit re- ligiös gelten, als hier Sinnfragen und Identitätsent- würfe von letzter Bedeutung thematisiert werden (Sparn 1990). Religion in der Familien-, Kinder-, Jugend- und pädagogischen Institutionenforschung Für die Kindheit in der Familie kann heute weithin nicht von einer religiösen Erziehung im Sinne der kirchlichen Erwartungen ausgegangen werden. In vielen Fällen wird in der Familie nicht ausdrücklich kirchlich, christlich oder religiös erzogen. Lange Zeit wurde dies im Sinne einer Säkularisierung als Religionsverlust verstanden – eine Deutung, die der bleibenden Bedeutung individueller und priva- ter Religion in der Familie aber nicht gerecht wird (Ebertz 1988). Neuere Untersuchungen belegen eine nach wie vor hohe Wirksamkeit der religiösen Familienerziehung (bspw. Zinnecker / Silbereisen 1996; Behnken /Zinnecker 1993; Biesinger et al. 2005), wobei sich diese weit mehr nach den der Familie eigenen Sinngebungen richtet als nach den Maßstäben kirchlicher Lehre (Schwab 1995). Reli- giöse Erziehung in der Familie folgt in hohem

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