Handbuch 5. Auflage

1338 Schweitzer  Maße dem Muster von Privatisierung und Indivi- dualisierung: Religion wird bejaht, zugleich aber in das Belieben jedes einzelnen gestellt, auch schon der Kinder und Jugendlichen. Ihrer Wirksamkeit tut dies jedoch keinen Abbruch. Sehr wenig Aufmerksamkeit in der empirischen Forschung hat bislang die Rolle von Religion in der Kindertagesstätte erhalten, obwohl sie der Ort ist, an dem sich erstmals alle Kinder, unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit, begegnen. Vor allem das Christentum und der Islam sind dabei bedeut- sam (mehr als 20% der Kinder in Kindertages- stätten sind Muslime). Daher stellt sich sowohl die Aufgabe der religiösen Begleitung muslimischer Kinder als auch die des interreligiösen Lernens (Schweitzer et al. 2008), die in den Einrichtungen offenbar noch sehr wenig wahrgenommen wird. Interkulturelle Pädagogik ohne Berücksichtigung der interreligiösen Dimension bleibt jedoch un- zureichend. Für das Jugendalter belegt auch die Jugendfor- schung als langfristigen Trend ein bleibendes Inte- resse an Religion bei gleichzeitig abnehmender Kirch- lichkeit (Überblick: Schweitzer 1996; neuere Befunde: Ziebertz et al. 2003). Von der Mehrheit der Jugendlichen imWesten werden religiöse Über- zeugungen und Praktiken im persönlichen Bereich weiterhin gepflegt, ohne dass daraus eine mehr als gelegentliche Hinwendung zu Kirche folgen würde. In Ostdeutschland sind noch immer die Auswir- kungen der staatssozialistisch-atheistischen Erzie- hung in DDR-Zeiten zu spüren (Henkys / Schweit- zer 1996; Fuchs-Heinritz 2000). Auch wenn sich im Osten ebenfalls ein über die Kirche hinausrei- chendes religiöses Interesse Jugendlicher feststellen lässt (Schmidtchen 1997, 149 ff.; Huber et al. 2006, 89 ff.), begegnet die Mehrheit der Jugend- lichen dort religiösen Fragen doch mit Gleichgül- tigkeit. Untersuchungen zu den Formen des Um- gangs mit Fragen von (Lebens-)Sinn bei Jugendlichen in Ostdeutschland, etwa auf der Grundlage konsequent qualitativer Vorgehenswei- sen, sind noch immer ein Desiderat. Ein weiteres Forschungsdefizit, das für fast alle Ju- gendstudien kennzeichnend ist, stellt die religiöse Erziehung von Kindern und Jugendlichen aus nicht- christlichen Familien in Deutschland dar (Ansätze imBlick auf muslimische Jugendliche bei Heitmeyer et al. 1997; Bukow/Yildiz 2003; zu Hindu-Kindern in England Jackson /Nesbitt 1993). Religion als Dimension sozialpädagogischer Praxis Aus dem hier vertretenen Verständnis religiöser Erziehung als Begleitung der religiösen Entwick- lung im Kindes- und Jugendalter erwächst die Forderung, dass auf Religion bezogene Erziehungs- aufgaben als integraler Bestandteil pädagogischer Praxis anzusehen und keineswegs nur dort wahr- zunehmen sind, wo Trägerinteressen oder persönli- che Überzeugungen von Pädagoginnen und Päd­ agogen dies nahe legen. Religion als Dimension der menschlichen Entwicklung markiert eine all- gemeine Bildungsaufgabe (Schweitzer 2003). Eine von den Kindern und Jugendlichen her ver- standene religiöse Erziehung verlangt zugleich nach einer Auslegung, bei der nicht einseitig die in der religiösen Tradition ausgebildeten Normen oder gar die Bestandserwartungen religiöser Gemein- schaften oder Institutionen im Vordergrund ste- hen. Auch wenn richtig bleibt, dass religiöse Be- gleitung ohne Erschließung der religiösen Traditionen und ohne eine auch institutionelle Basis kaum denkbar ist, bleibt die Qualität religiö- ser Erziehung zugleich an pädagogischen Maßstäben von Erziehung und Bildung zu messen. Die Wahrnehmung religionspädagogischer Auf- gaben im Bereich von Sozialarbeit / Sozialpädago- gik konkretisiert sich dem hier entwickelten Ver- ständniszufolgeinden alltäglichenZusammenhängen der entsprechenden Arbeitsfelder. Folgende bei- spielhafte Hinweise können dies noch einmal ver- deutlichen: Arbeit mit Kindern 1. : „Kinder haben religiöse Fra- gen“, so zu Recht der Zehnte Kinder- und Jugend- bericht (1998, 44). Deshalb sind solche Fragen bspw. in Kindergarten und Tagesstätte bzw. Hort auch dort aufzunehmen, wo nach dem Situations- ansatz gearbeitet wird (Comenius-Institut 1976) oder der Alltag in einer reflektiert gestalteten Ein- richtung den Ausgangspunkt bildet (Scheilke / Schweitzer 1999; Schweitzer et al. 2008). Jugendarbeit/Jugendhilfe 2. : Lebensbewältigung im Jugendalter vollzieht sich heute in deutlicher Dis- tanz zu Kirche, schließt aber nach wie vor Sinnfra- gen, ethische Orientierungsprobleme und übergrei- fende Lebensperspektiven ein. Eine Pädagogik für Jugendliche muss daher auch eine „Religionspäd­ agogik des Jugendalters“ sein (Schweitzer 1996),

RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=