Handbuch 5. Auflage

1344 T. Gabriel  jahr untersucht wurden. Da auf Hawaii eine ge- ringe geographische Mobilität vorherrscht, war über vier Jahrzehnte nur eine verhältnismäßig ge- ringe Verringerung der Stichprobe zu verzeichnen. In Abgrenzung zu psychopathologisch orientierten Studien wurden nicht nur Persönlichkeitsmerk- male oder biologische Einflüsse, sondern auch so- ziale Faktoren und familiäre Faktoren prominent gewichtet. Zu nennen sind hier unter anderem Armut, Schulbildung der Mutter, Familien- und Eheklima, Abwesenheit des Vaters sowie Substanz- missbrauch. Ein Drittel der Kinder die in den ers- ten zehn Jahren multiplen Risikofaktoren aus- gesetzt waren, entwickelten sich wider Erwarten zu stabilen Heranwachsenden (Werner / Smith 1982). Im Vergleich zu der Gruppe die vergleichbare Risi- kofaktoren repräsentierten, jedoch Symptome von Auffälligkeiten zeigten, ließen sich soziale und psy- chische Differenzen der resilienten Kinder nach- weisen. Diese von Werner und Smith (1982) als „invulnerable“ bezeichnete Gruppe war in den ersten Lebensjahren signifikant seltener von den primären Bezugspersonen getrennt als die Gruppe der später Auffälligen. Zugleich war ihr Sozialver- halten deutlich positiver attribuiert, das heißt, sie erlangten auf probate Weise soziale Anerkennung und Wertschätzung Erwachsener. Sie waren zudem offener, kommunikativer und autonomer als die Vergleichsgruppe. Die resilienten Kinder erlebten stabilere Eltern-Kind-Beziehungen, erhielten häu- figer emotionale Unterstützung, waren seltener in- konsistenten Erziehungsstilen und belastenden Fa- miliensituationen ausgesetzt. Gendertheoretisch interessante Differenzen ließen sich im Alter von zehn Jahren in Bezug auf die Effekte der Familien- merkmale feststellen. Die Mütter der resilienten Mädchen waren häufiger über lange Zeiträume ganztägig berufstätig. Dieser Befund ließ sich für die Gruppe der „invulnerablen“ Jungen nicht be- stätigen. Mit 18 Jahren zeigte die Gruppe der resilienten Heranwachsenden geschlechtsübergreifend eine ausgeprägtere Selbstsorge, ein stärkeres Verantwor- tungsbewusstsein, eine größere soziale und intel- lektuelle Reife sowie ein justierteres Selbstbild auf als die Vergleichsgruppe. Interessanterweise wiesen die Frauen im Rahmen der Persönlichkeitstests „männlichere“ Geschlechterstereotypen auf, als die vulnerable weibliche Vergleichsgruppe. Die resi- lienten weiblichen Heranwachsenden vertrauten auf die Fähigkeit, ihr Leben zu beeinflussen, waren leistungsorientierter, statusbewusster und sozial unabhängiger als die Vergleichsgruppe. Im Kon- trast dazu zeigten die resilienten männlichen He- ranwachsenden geschlechtsuntypische Ausprägun- gen von Fürsorge, emotionaler und sozialer Orientierung. Die Ergebnisse lassen sich dahin- gehend interpretieren, dass der Freisetzungsprozess von traditionellen Geschlechterstereotypen positiv mit der Ausprägung von Resilienz zu korrelieren scheint. Neben den skizzierten persönlichkeits- und ge- schlechtertheoretischen Differenzen ließen sich im familiären und sozialen Bereich Unterschiede zwi- schen den 18-jährigen resilienten und den vulne­ rablen Jugendlichen nachweisen. Die Gruppe der resilienten Jugendlichen verfügte über quantitativ und qualitativ ausgeprägtere soziale Netzwerke. Auch unterschied sich ihre Beschreibung des erleb- ten Familien- und Erziehungsklimas signifikant. Insbesondere ihr Gefühl familiär erfahrener emo- tionaler Sicherheit und Unterstützung korrelierte mit als konsistent und eindeutig erlebten Erzie- hungsstilen. Bei der späteren Folgeuntersuchungen der 30-Jäh- rigen wies die resiliente Gruppe im Vergleich zur vulnerablen eine relativ hohe schulische und beruf- liche Qualifikation auf, assoziiert mit einer hohen beruflichen Zufriedenheit und der damit verbun- denen Generierung von Selbstwertgefühl aus der beruflichen Tätigkeit. Wiederum zeigten sich inte- ressante geschlechtsspezifische Unterschiede in der Gruppe der „Invulnerablen“. Über 80%der Frauen waren verheiratet und hatten Kinder, hingegen waren weniger als die Hälfte der resilienten Män- ner verheiratet, nur etwas mehr als ein Drittel von ihnen hatte eigene Kinder. Ob dies bindungstheo- retisch zu interpretieren ist, wie Werner und Smith (1982) vermuten, bleibt fraglich. Aus gendertheo- retischer Perspektive wäre zu fragen, ob dies wirk- lich als erworbene Persönlichkeitsdisposition zu verstehen ist oder als Ergebnis sozial konstruierter Geschlechterverhältnisse. Übergreifend zeigen ver- schiedene Studien Muster von Geschlechterdiffe- renzen. So sind Jungen im ersten Lebensjahrzehnt durch biologische Dispositionen, Defizite in Fami- lie und Erziehung sowie Armut verletzbarer als Mädchen, lediglich in der zweiten Lebensdekade ändert sich dies durch ungewollte Schwangerschaf- ten, um in der dritten und vierten Dekade zu

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