Handbuch 5. Auflage

Resilienz  1345 ungunsten der Jungen zurückzupendeln (Wer- ner / Johnson 1999, 262). Im Alter von vierzig Jahren wiesen jene, die in der Kindheit von elterli- chem Substanzmissbauch und / oder psychischen Erkrankungen der Bezugspersonen betroffen wa- ren, die schlechtesten Ergebnisse auf (Wer- ner / Smith 2001). Die Mehrheit der zuvor als „in- vulnerabel“ eingeordneten Probanden besaßen stabile Bezugssysteme, waren verantwortlich gegen- über den Eltern und / oder den eigenen Kindern und zeigten in hohem Maß einen Glauben an die eigenen Fähigkeiten. Implikationen für die Forschung An der vorgestellten Forschung von Werner und Smith (1982; 1992) bleibt unabhängig von ihren wegweisenden Ergebnissen das epidemiologische Schema der Untersuchung problematisch, obwohl sie ergänzend in einer späteren Publikation (2001) Lebensgeschichten resilienter Probanden rekon- struieren. Das von ihnen entworfene transaktionale Modell von Entwicklung basiert auf der Grundan- nahme einer impliziten Dialektik von positiven und negativen Einflüssen. Die Annahme, im Lebenslauf eindeutige Risiko- und Unterstützungsquellen iso- lieren zu können, verkennt jedoch die interaktive Dimension dieser Einflüsse. Die inhaltlichen Ein- flüsse, die im Rahmen von Erziehungs- und Sozia- lisationsprozessen zur Ausprägung von Resilienz oder aber Vulnerabilität beitragen, sind jedoch nicht linear zu denken, sie können sich gegenseitig ver- stärken, aber auch relativieren oder aufheben. Um diese Komplexität im Rahmen von Forschung an- gemessen zu reduzieren, erscheint eine Konzentra- tion auf Übergänge (Transitionen) zwischen Le- bensabschnitten und Lebenskontexten zur Analyse resilienter Bewältigungsmuster eine fruchtbare Per- spektive (Stein /Munro 2008). Aus diesem Grund bieten sich Forschungszugänge an, die im Kern qualitativ angelegt sind und in Fallstudien die Ent- wicklungsübergänge resilienter Probanden rekon- struieren, um so gleichsam die entscheidenden „Entwicklungslinien“ und „Übergänge“ in Biogra- phien zu entdecken. In Abgrenzung zu den Lineari- tätsvorstellungen, wie sie in klassischen Forschun- gen zum Lebenslauf theoretisch apostrophiert werden, orientiert sich die Idee der Konzentration auf biographische Übergänge am Konzept der Tran- sitionsforschung (Welzer 1993). Entgegen der theo- retischen Annahme eines teleologischen Entwick- lungsmodells, das Ausgangs- und Endpunkte, Übergänge und Statuspassagen untersucht, hebt die Transitionsforschung auf flexibilisierte Biographie- muster ab (25). Resilienzforschung könnte damit den interaktiven Dimensionen von Erziehungs- und Sozialisationsprozessen gerecht werden, die für die Entwicklung von Resilienz Relevanz besitzen. Da es sich dabei um komplexe Prozesse handelt, sollte der Blick nicht nur auf ein Endergebnis des Sozialisationsprozesses (Resilienz) gerichtet werden. Gerade um dem prozessualen Charakter von Aneig- nungsprozessen Rechnung zu tragen, könnte das differenzierte Wechselspiel zwischen multiplen pro- tektiven und risikohaften Einflüssen im Rahmen biographischer Transitionen in seiner interaktiven Dimension genauer bestimmt werden (Wer- ner / Johnson 1999). Resilienz, Bildung und Soziale Ungleichheit Die negativen Auswirkungen sozialer und öko- nomischer Ungleichheit auf die Entwicklung und sozialen Teilhabechancen Heranwachsender sind durch Forschung und Theorie belegt (Ansen 1998; 2003; Klocke /Hurrelmann 2001). Außer Frage steht zudem die politische und ökonomische Di- mension von Armutslagen, wie auch der empiri- sche Beleg, dass Bildungssysteme zur Reproduktion sozialer Ungleichheit oder zur Eröffnung sozialer Teilnahmechancen maßgeblich beitragen (Below 2002). Zugleich ist aus der Perspektive von For- schung zu bedenken, dass die Auswirkungen sozia- ler Benachteiligung, ebenso wie Ausbildung von Resilienz, in einem hohen Grad individuumsbezo- gen zu verstehen und zu analysieren sind. Sie erfol- gen nicht auf der Makroebene, sondern insbeson- dere auf der Mesoebene sozialer Systeme. Selbst bei einem Verständnis von Resilienz als personalem Attribut, erzeugt das Individuum auch in diesem Konstrukt Resilienz nicht aus sich selbst heraus. Resilienz ist ohne unterstützende Interaktionen im Sozialen nicht zu denken. Umso entscheidender ist es deshalb, der impliziten Gefahr vorzubeugen, gesellschaftliche Probleme in ein je individuelles Defizit an Charakter, Moral, Erziehung, Bildung oder aber Resilienz umzudefinieren. Aus diesem

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