Handbuch 5. Auflage
1352 Braun · Wetzel Die Soziale Arbeit kann als spezifische Lösungs- kompetenz in die kooperative Überwindung dieser krisenhaften Umbrüche des Bildungssystem be- sonders zwei konzeptionelle Entwürfe einbringen: Die Lebensweltorientierung (Grunwald /Thiersch 2004) und die Sozialraumorientierung (Coelen 2002; Deinet 2009; Kessl et al. 2005). Die lebensweltbezogene Kooperation von Schule und Sozialer Arbeit: Die Ausrichtung an den Sinndimensionen von allgemeiner Bildung in der „zweiten Moderne“ Die Lebensweltorientierung reflektiert die klassi- sche pädagogische Einsicht, dass die Förderung bil- dender Lern- und Entwicklungsprozesse an die un- mittelbare Begegnung von Menschen gebunden ist; Institutionen können nicht bilden und erziehen. Sie nimmt damit das Konzept des „pädagogischen Bezuges“ der Geisteswissenschaftlichen Pädagogik auf und entwickelt es in einer sozialwissenschaftlich fundierten phänomenologischen Ausrichtung wei- ter und stellt damit die intersubjektiv vermittelten Sinnbildungsprozesse der Heranwachsenden ins Zentrum. Damit ist eine besonders anspruchsvolle gemeinsame Handlungs- und Förderungsperspek- tive von Schule und Sozialer Arbeit eröffnet. Sie richtet sich (a) an der übergreifenden Bildungsper- spektive aus, wonach es gilt, die Fähigkeit und Be- reitschaft der Kinder und Jugendlichen zur Selbst- bestimmung und Selbsterfahrung zu fördern, zum immer reflexiveren Umgang mit den eigenen Le- benserfahrungen und -entwürfen; zur Mitbestim- mung und Mitgestaltung der unmittelbaren und sich schrittweise erweiternden sozialen Umwelt; zur Solidarität mit den „Mühseligen und Beladenen“ in der Absicht, die Bedingungen von Ungleichheit und Herrschaft schrittweise abzubauen und zu überwinden; und zur Verantwortungsübernahme für die Gestaltung einer ökologisch verantwortungs- volleren, ökonomisch und sozial gerechteren, poli- tisch demokratischeren und im interpersonellen Umgang immer menschlicheren Gesellschaft. Da- bei impliziert das Recht auf Selbst- und Mitbestim- mung die symmetrische Pflicht zur Solidarität und Verantwortungsübernahme. Entgegen den aktuellen Tendenzen in der Nach- folge der öffentlichen PISA-Debatten, die alle Re- formmaßnahmen des Bildungssystems nur auf ihre Effizienz hinsichtlich der Leistungssteigerung be- fragen, muss (b) auf die (wiederum klassisch-päd- agogische) Einsicht verwiesen werden, dass frucht- bares, produktives Lernen eine entwicklungsoffene Balance braucht zwischen Problembezug und „Un- beschwertheit“, also ein Gleichgewicht zwischen Leistungen erbringen wollen , können und müssen . Die Kooperation von Schule und Sozialer Arbeit wäre aber gründlich missverstanden, wenn hier nun einer bornierten institutionellen Arbeitstei- lung das Wort geredet würde: die Schule sei für das „Müssen“ und „Können“, die Soziale Arbeit für das „Wollen“ und manchmal das „Können“ zuständig; vielmehr geht es um flexible Angebotsstrukturen die – mit verschiedenen Schwerpunktsetzungen in verschiedenen Entwicklungsphasen – allen Lern- weisen und -bedürfnissen gerecht werden. Wenn man Bildung im o. g. Sinne als anspruchs- volle und befriedigende Lebensbewältigung versteht, dann ergeben sich daraus (c )besonders folgende thematische Lernaufgaben (Klafki / Braun 2007, Kap. 3.3 und 7.2): Die Förderung der Fähigkeiten und Bereitschaften zur Herausbildung einer be- friedigenden alltäglichen Lebensführung sowie zum lustvollen, risiko- und anstrengungsbereiten Umgang mit dem eigenen Körper; zur Auseinan- dersetzung mit den epochaltypischen Schlüsselpro- blemen unserer Gegenwart und absehbaren Zu- kunft (z. B. Krieg und Frieden, Demokratie und Diktatur, technischer und sozialer Fortschritt, Übereinstimmungen und Differenzen der Kultu- ren, Männlichkeit und Weiblichkeit , Ich und Du) sowie mit den ökologischen, wirtschaftlichen und sozialen Dimensionen der Arbeitsverhältnisse ein- schließlich der Arbeitslosigkeit; zur selbstreflexiven Beschäftigung mit den existentiellen Menschheits- themen (Frage nach dem Sinn des Lebens und der Bedeutung des Todes, nach Liebe und Trauer, Glück und Angst, Hoffnung und Verzweiflung und was den Menschen als Person, als Gruppe und als Menschheit eigentlich ausmacht usw.); zur re- flexiven Aneignung der ästhetischen Traditionen, nicht nur den klassischen, sondern besonders auch der alltagskulturell verankerten; und nicht zuletzt zur Auseinandersetzung mit den Grundlagen der Moralität und Sittlichkeit des eigenen Handelns durch die Förderung der Bereitschaft zur aktiven
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