Handbuch 5. Auflage

Sexualpädagogik  1367 (Hamburg 1996, NRW 1997), es entstanden se- xualpädagogische Fortbildungseinrichtungen (so z. B. das Institut für Sexualpädagogik Dortmund) und eine Vielzahl von didaktischen Materialien für den schulischen und außerschulischen Bereich (z. B. Sielert /Keil 1993 und IPTS 1994). Geschichte der Sexualpädagogik Bis zu der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg gab es keine sexualpädagogische Fachtheorie. Die Päd­ agogen Basedow, Oest, Campe, Rousseau kann man allenfalls als Wegbereiter einer sexualpädago- gischen Theorie bezeichnen (Wawarzonnek 1984). Ende des 19. Jahrhunderts erlebte die Sexualerzie- hung zwar parallel zur Sexualwissenschaft einen deutlichen Aufschwung, jedoch ohne explizite päd- agogische Theoriebildung.Erst nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich Sexualpädagogik als ein wissenschaftliches Fach bzw. als Teildisziplin der Erziehungswissenschaft (Hunger 1954; Schille 1969; Bach 1969; Scarbath 1969; Maskus 1979; Kentler 1970; Kluge 1978) Der ideologisch-sexualpolitische Streit der späten 1960er und frühen 1970er Jahre fand auf theo- retischer Ebene seinen Niederschlag in heftigen Auseinandersetzungen zwischen der emanzipatori- schen Sexualpädagogik Kentlers und christlich- konservativen Positionen (Meves 1992), aber auch den sich liberal verstehenden Richtungen der Deutschen Gesellschaft für Geschlechtserziehung (Maskus 1979). Kluge nahm eine mittlere, sich ideologiefrei verstehende Position zwischen den politischen Extremen ein (Kluge 1984). Damit wurden drei Hauptrichtungen der Sexualpädago- gik wieder aufgegriffen, die sich in der Weimarer Republik bereits als erzieherische Praxis und mit einigen Theoriefragmenten etabliert hatten: Die repressive , die vermittelnd-liberale und die emanzi- patorische Sexualerziehung (Barkow 1980). In der DDRwaren Sexualerziehung und Familienplanung kein Thema öffentlicher Debatten. „Das allgemeine Reflexionsniveau zu Themen wie Schwangerschaftsabbruch oder Homosexualität war ge- ring. Zweifellos gab es vielfältige Tabus und Vorurteile, aber insgesamt war die öffentliche Meinung hinsichtlich sexueller Belange wenig polarisiert und im allgemeinen von Toleranz geprägt.“ (Stumpe /Weller 1995, 30) Durch den zunehmenden sexualpädagogischen Dis- kurs und Realitätssinn sowie die sexualwissenschaft- liche Forschung angesichts der Problemthemen der späten 1980er Jahre (Geschlechterverhältnis, AIDS, sexueller Missbrauch, Pornografie) entstand eine ganze Bandbreite von theoretischen Positionen zur Sexualpädagogik. Sie reichen von weiterhin christ- lich-konservativen Konzepten (von Martial 1991), religionspädagogisch motivierten ganzheitlich-per- sonalen Positionen der Liebeserziehung Bartholo- mäus 1993) über sich weiterhin wissenschaftlich- neutral verstehende „Mittelpositionen“ (Kluge 1984, 19ff.), feministisch-geschlechtsspezifische Entwür- fen (Milhoffer 1995) bis zu Ansätzen, die in der Tradition der emanzipatorischen Sexualerziehung stehen (Koch/Lutzmann 1989; Glück et al. 1990; Sielert 2005; Timmermanns et al. 2004; Timmer- manns/Tuider 2008; Schmidt/Schetsche 2009). Die meisten Konzepte sind heute sexualfreundlich, bejahen verschiedene Formen der Empfängnis- regelung, betonen die Kultivierung der Identitäts-, Beziehungs-, Lust- und Fruchtbarkeitsfunktion von Sexualität, die Gleichwertigkeit verschiedener sexueller Orientierungen und die Flexibilisierung der Geschlechtsrollen. Zunehmend wird auch die „dunkle Seite der Sexualität“ (Pornografie, Pros- titution, Gewalt) in die sexualpädagogische Theo- riebildung mit einbezogen. Andererseits formiert sich gerade angesichts dieser „dunklen Seite der Se- xualität“ durch den Diskurs über den sexuellen Missbrauch, die behauptete „Pornografisierung der Gesellschaft“, Pädophilie und Gewalt im Ge- schlechterverhältnis ein gesellschaftlicher Trend, Sexualität wieder überwiegend als Gefahr zu be- trachten und Sexualpädagogik als „Gefahren- abwehrpädagogik“ zu betreiben. Gegenstandsbereich der Sexualpädagogik und ihr Bezug zur Sexualwissenschaft Im Rahmen ihrer Bezugsdisziplin Erziehungswis- senschaft beschäftigt sich Sexualpädagogik damit, ihren Gegenstandsbereich, d.h. den Menschen als ■ ■ ein auf Erziehung angewiesenes Sexualwesen, zu definieren, vorhandene sexualerzieherisch relevante Konzepte ■ ■ auf ihre anthropologischen, gesellschaftlichen und

RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=