Handbuch 5. Auflage
1368 Sielert teleologischen Grundannahmen zu prüfen und neue zu entwickeln, sexuelle Sozialisation und die sexualerzieherische ■ ■ Wirklichkeit empirisch-methodisch und kritisch- analytisch zu beschreiben, Handlungstheorien und -modalitäten zu reflektie- ■ ■ ren und im Zusammenhang mit den jeweils zuständigen ■ ■ pädagogischen „Schwesterdisziplinen“ (Vorschul-, Sonder-, Sozial-, Schul-, Medienpädagogik und Er- wachsenenbildung) ihre speziellen Realisierungs- probleme zu bearbeiten. Einen weiteren Bezugsrahmen der Sexualpädagogik stellen die jeweils kompatiblen sexualwissenschaftli- chen Theorien dar. So findet z. B. die emanzipatori- sche Sexualpädagogik ihre Bezugsdisziplin in der kritischen Sexualwissenschaft (Schmidt 1986; Si- gusch 2005). Sie steht ebenso wie die kritisch-re- flexive Erziehungswissenschaft und die kritische Sexualforschung in der Tradition der Aufklärung mit ihrem emanzipatorischen Erkenntnis- und Handlungsinteresse an wachsender Mündigkeit des Subjekts und der dazu notwendigen Befreiung aus inneren – biografischen – und äußeren – gesell- schaftlichen – Zwängen. Selbstverständlich sind diese Zwänge nicht nur (und heute immer weniger) in sexualfeindlichen Konventionen zu finden, son- dern auch in postmodernen Instrumentalisierungen der Sexualität, die je nach Diskurstrend wechseln können: Verdinglichung, Pornografisierung, Ver- marktung des Sexuellen, Gewalt und Missbrauch in Familien wie auch pädagogischen Institutionen. Themen der Sexualpädagogik Menschliche Sexualität ist mehr als Genitalität, be- schränkt sich also nicht auf Körperfunktionen und das Fortpflanzungsgeschehen, sondern umfasst als wesentliches „Querschnittsthema“ der Persönlich- keit sowohl Fruchtbarkeits- als auch Lust-, Identi- täts- und Beziehungsaspekte. Sexualerziehung und Sexualpädagogik beschränken sich entsprechend auch nicht auf Fortpflanzungs- und Körperfunk- tionen, sondern enthalten folgende Unterthemen, die je nach gesellschaftlicher Entwicklung in unter- schiedlichem Maße bedeutsam werden. Die Bedeutung des traditionellen Kernbereichs se- xualerzieherischer Tätigkeit der Körper- und Sexual aufklärung ist sowohl unstrittig wie auch immer wieder neu zu prüfen. Während diese Thematik im klassischen Verständnis von Sexualaufklärung do- miniert, ist sie in den letzten zehn Jahren – abge- sehen vom Thema der HIV-Übertragung – zu- gunsten der Behandlung von Beziehungsthemen in den Hintergrund geraten. Heute wird dieser Be- reich wieder stärker ins Blickfeld gerückt, weil re- präsentative Untersuchungen festgestellt haben, dass Eltern z. B. kaum über die körperliche und se- xuelle Entwicklung Jugendlicher mit ihren Kindern reden und in den Freundschaftsgruppen nicht sel- ten Falschinformationen und Halbwahrheiten wei- tergegeben werden (BZgA 2005a, 55 ff.). Postmoderner Pluralismus erhöht individuelle Ori- entierungsaufgaben, oft auch Orientierungsdruck, sodass Sexualpädagogik verstärkt vor die Aufgabe gestellt ist, Ethik, Moral und Wertorientierung als Bereich der sexuellen Identität zu thematisieren. Moralische Qualifizierung bedeutet immer auch Persönlichkeitslernen , nicht als Programm der Werteübermittlung, sondern als Erhöhung des Bewusstseins über das eigene Selbst mit dem Ziel der Selbstbestimmung und Selbstverantwortung (Osbar et al. 1999). Das angemessene Sprechen über Sexuelles gehört zu den Grundvoraussetzungen sowohl der Prävention unerwünschter Persönlichkeitsbeeinträchtigungen als auch aller anderen Bemühungen zur Verwirk- lichung sexualpädagogischer Ziele. Insbesondere angesichts der „öffentlichen Geschwätzigkeit“ über Sexualität und der Notwendigkeit, den Intimitäts- schutz zu betonen, bedarf das Sprechen über Se- xuelles der verstärkten pädagogischen Reflexion (Osthoff 2008, 99–114). Als wesentlicher Motor der Veränderung von Se- xual- und Beziehungsverhältnissen kann das Ge- schlechterverhältnis bezeichnet werden. Weil das Geschlecht im Zentrum sexueller Identität verortet ist, geht es in der Sexualpädagogik um die Wahr- nehmung und Veränderung von Geschlechterso- zialisation und die sich daraus ergebenden Kon- sequenzen für alle gesellschaftlichen Bereiche (BZgA 2000 und 2005b sowie Wendt 2009). Mit dem Thema sexuelle Orientierungen ist nicht nur Hetero-, Homo- und Bisexualität gemeint. Die Pluralität der Lebenswelten und die Varianz der Lebensformen macht insgesamt deutlich, dass menschliches (auch sexuelles) Leben ein Kon- tinuum mit vielen möglichen intraindividuellen
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