Handbuch 5. Auflage

Sexualpädagogik  1369 Varianten ist und es nicht nur darum gehen kann, additiv Homosexualität zur heterosexuellen Norm hinzuzufügen. Zurzeit geht es in der Sexualerzie- hung vorzugsweise noch um die Bereitstellung von Hilfen und Begleitung für Jugendliche und Er- wachsene im homosexuellen „Coming Out“ und die allgemeine Förderung von Akzeptanz gegen- über verschiedener Lebensweisen (Sielert 2004; Hartmann 2004). Sexualität im Spannungsfeld der Kulturen wurde zu einem wichtigeren Thema angesichts einer zuneh- mend multikulturellen Zusammensetzung der Ju- gendlichen in Räumen organisierter Erziehung und iminformellenFreizeitbereich (Kunz /Wronska 2001, 221–252). Aus verschiedenen Gründen, auch wegen der öffentlichen Thematisierung, ist Sexualität und Behinderung (Specht 2008, 295– 309) in den letzten Jahren im sexualpädagogischen Themenkanon bedeutender geworden, ohne be- reits die entsprechende Beachtung zu finden. Glei- ches gilt für Sexualität im Alter (Mahnke / Sielert 2004, 179–198), einThema, bei demdie Pädagogik bzw. Sexualgerontagogik grundsätzlich der Kon- sumindustrie und dem Gesundheitssektor hinter- herhinkt. Zu der bisherigen Aufgabe moderner Sexualerzie- hung, der Idealisierung oder Dämonisierung von Sexualität entgegenzutreten, gesellte sich die his- torisch aktuelle Aufgabe, der ideologischen Auf- ladung des öffentlichen Diskurses um Sexualität und Gewalt mit wissenschaftlicher Aufklärung ent- gegenzuwirken. Sexualpädagogik verdankt dieser Thematisierung des „anderen Gesichts“ von Se- xualität zwar ihre aktuelle Aufmerksamkeit, muss sich aber zunehmend gegen die Tendenz wehren, sie als „Gefahrenabwehrpädagogik“ umzuarbeiten (Schmauch 1996, 284–297). Gegen die tendenzielle Überschattung des Sexuel- len mit Gewaltaspekten im populären pädagogi- schen Empfinden setzt eine sexualfreundliche Se- xualpädagogik die Sensibilisierung der Sinne und Sinnlichkeit als Thema für die theoretische und praktische Arbeit. Das Thema umfasst die Refle- xion und Kultivierung von Körperlichkeit, der sinnlichen Ausstrahlung, der Wechselwirkung von Selbst- und Fremdwahrnehmung, der Balance von Selbstwertgefühl, Ich-Ideal und äußerer Erschei- nung sowie die aktive Gestaltung der Selbstpräsen- tation (Valtl 2002, 161–188). Durch das Thema der Teenagerschwangerschaften in den letzten Jah- ren rückte vor allem die Einsicht in den Vorder- grund, dass es bei der Sexualpädagogik immer auch um generatives Verhalten gehen muss, mithin um Lebensplanung und allgemeine Zukunftsgestal- tung im persönlichen Bereich. Handlungsfelder und Handlungsmodalitäten der Sexualpädagogik Themen, Konflikte und Krisen sexueller Soziali- sation haben mit fortschreitender Individualisie- rung auf dem Hintergrund einer liberalisierten Sexualmoral für alle Lebensalter an Bedeutung und Brisanz gewonnen. Sexualpädagogik leistet heute ihren Teil zur Herstellung einer sozialen In- frastruktur, die dem modernen Individuum den Erwerb der Dispositionen und Handlungskom- petenzen ermöglicht, die es zur Entwicklung sei- ner sexuellen Identität notwendig braucht. Deut- lich wird das durch die Veralltäglichung und Popularisierung se- ■ ■ xualwissenschaftlicher und sexualpädagogischer Sprache und Beratungsmuster in den Medien, durch das Eindringen sexualpädagogischer Arbeit ■ ■ in die Bildungsinstitutionen, den Gesundheitssek- tor und die Einrichtungen der Sozialen Arbeit, durch ein fast unübersichtlich gewordenes Netz an ■ ■ Beratungsinstitutionen, Selbsthilfegruppen und Initiativen, durch die Tatsache, dass sich jetzt auch der Staat ■ ■ auf Bundesebene um eine sexualpädagogische „Grundversorgung“ bemüht: Das neue Schwange- ren- und Familienhilfegesetz von 1992 schreibt Se- xualaufklärung und Sexualberatung als Pflichtauf- gaben des Bundes und der Länder fest und führt seitdem zu einer Expansion der schulischen und außerschulischen „Sexualisationshilfen“. Sexualerziehung wird zunehmend verstanden und praktiziert als Querschnittsaufgabe aller institutio- nalisierten Erziehungs- und Bildungsbereiche, wird mit ihren jeweiligen Akzenten und Chancen unter- einander vernetzt und bezieht sich längst nicht mehr nur auf Kinder und Jugendliche. Die Familie hat die Möglichkeit, die emotionale ■ ■ Grundlage des „unbedingten Angenommenseins“

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