Handbuch 5. Auflage
Behindertenpolitik, Behindertenarbeit 137 von Stressoren). Insbesondere das Kohärenzgefühl ist zu entwickeln, als globales Vertrauen einer Per- son zur eigenen inneren und äußeren Umwelt, de- ren Vorhersehbarkeit und Steuerbarkeit (Schiffer 2001). Gesundheitsförderlich wirken außerdem u. a. passende Ernährung, Kleidung, Unterkunft / Wohnen, Hygiene /medizinische Versorgung, Um- welt, Bewegung, stabile und gewählte soziale Be- ziehungen, emotionale Balance (Entspannung und Anforderungen), erfüllte Sexualität, humane Ar- beitsbedingungen, Respekt, Anerkennung und Achtsamkeit, Sicherheit, Lebenssinn, Gestaltungs- räume (wie Freiheit, Partnerwahl, Lebensstil) und Verlässlichkeit (wie Heimat, Erinnerung, Zugehö- rigkeit). Multidimensionale Konstrukte wie „Lebensquali- tät“ oder „Gesundheit“ können allerdings ohne die Zielgruppe (hier: die Menschen mit Behinderung) zu beteiligen, nicht bemessen werden. Dies erfor- dert (mehr) Nutzerorientierung und stärkt ihre Po- sition in der Gestaltung, Umsetzung und Bewer- tung des Leistungsgeschehens. Allerdings muss geäußerte Zufriedenheit als subjektiver Ausdruck der Bedürfnisbefriedigung unter Rücksicht auf die oft eingeschränkten Erfahrungsräume von Men- schen mit Behinderung bewertet werden (Beck 1994, 243). Also sind geeignete Befragungs- und Bewertungsformen für alle Menschen mit Behin- derung zu entwickeln (Schäfers 2008), weil ihre Einschätzung und Mitwirkung an Relevanz ge- winnt (Privilegierung der Nutzer: Schaarschuch 2003) bei professionellem Handeln (im Dienstleis- tungsgeschehen) und Settings (an Orten der Un- terstützung) (Schlebrowski 2009). Über die wach- sende Steuerungsmacht von Nutzerinnen und Nutzern (Entscheidungskompetenz und Einfluss auf Ressourcen) könnten sich zukünftig Leistungs- angebote so verändern, dass sie besser zu den Un- terstützungsbedarfen passen (Oelerich / Schaar- schuch 2005). Als „Prozessbeschleuniger“ gilt das Persönliche Budget („Personal Payment“), eine neue Form der Ressourcensteuerung (statt Sach- leistungen werden Geldleistungen erbracht), auf die seit 2008 ein Rechtsanspruch besteht. Es stärkt die Position der Menschen mit Behinderung ge- genüber den Leistungsanbietern, so dass sie soziale Dienstleistungen stärker mitgestalten (können) (Wansing 2007b, 168; Wacker 2009a). Forschun- gen zeigen, dass sich Persönliche Budgets zwar erst langsam im deutschsprachigen Raum etablieren, aber den Weg zu mehr selbstbestimmter Lebens- führung unterstützen und inklusive Wirkungen entfalten (Schäfers et al. 2009): Das traditionelle Leistungsdreieck (Leistungsträger und -anbieter vereinbaren Leistungen für die Leistungsnehmer) öffnet sich zugunsten neuer Leistungsbeziehungen (Leistungsnehmer kaufen sich individuelle Leis- tungen bei Anbietern mit dem Geld der Träger). Will Behindertenarbeit statt „Exklusionsverwal- tung“ zu betreiben, den gesellschaftlichen Auftrag der „Inklusionsvermittlung“ übernehmen, steht sie also vor neuen Gestaltungsaufgaben: (mehr) Auf- merksamkeit für den förderlichen Charakter pas- sender materieller und personaler Umwelten, neues professionelles Handeln (Dienstleistungsorientie- rung) sowie Konzeptentwicklung zum Umgang mit der Verschiedenheit (Heterogenität) ihrer Klientel. Ressourcenförderliche Umwelten erhöhen die Chan- cen selbstständiger Lebensführung im privaten und öffentlichen Raum, so dass auch unter den Bedin- gungen einer individualisierten Gesellschaft Men- schen mit Beeinträchtigungen (sei es aufgrund von Alter und / oder Behinderung) zukünftig ihre Po- tenziale (besser) abrufen können. Dies korrespon- diert mit dem Ziel der Selbstwirksamkeit (sich als kompetent für gewünschte Handlungen zu erle- ben: Schachinger 2005) und einem Fähigkeits- ansatz (Nussbaum 1999), den Behindertenarbeit ebenso aus aktuellen Konzepten Sozialer Arbeit übernehmen kann, wie den Bezug auf die Lebens- welt , als dem sinnstrukturierenden Handlungs- raum für die alltägliche Lebenspraxis und Lebens- bewältigung (Luckmann 1980; Schütz / Luckmann 1979 / 1984). Aus dem Fähigkeitsansatz ebenso, wie aus der Tat- sache der Heterogenität ( Vielfalt und Verschieden- heit ) ihrer Klientel (Prengel 2009), leitet sich für Behindertenarbeit die Aufgabe ab, Selbstbestim- mungs- und Teilhaberessourcen jeweils individuell freizusetzen. Dies steht in Spannung zu bislang dominanten Konzepten der Gleichbehandlung und Gruppenzuordnung (nach Behinderungs- arten) nach einer Gerechtigkeitslogik, jedem das Gleiche zu geben (Wacker 2002a / b). Mit neuen Strategien individuell maßgeschneiderter Unter- stützung (Hilfe nach Maß, „tailor made support“), sollen die Potenziale der Menschen mit Beein- trächtigung besser erkannt und ihre Kompetenzen gefördert werden (Wacker et al. 2005 / 2009,
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