Handbuch 5. Auflage

Sozialberichterstattung und Sozialplanung 1389 der Beobachtung des sozialstrukturellen Wandels wird die Modernisierung der Gesellschaft ein- schließlich ihrer Bedingungen, ihrer Probleme und Konsequenzen analysiert. Die Wohlfahrtsmessung integriert die Frage nach den objektiven Lebens- bedingungen (level of living) und dem subjektiven Wohlbefinden (quality of life) der Bürger. Eine frühe Definition von Zapf verdeutlicht den umfassenden Anspruch, der vor allem in deren Aufbauphase mit der Sozialberichterstattung ver- bunden wurde. Es sei Aufgabe der Sozialbericht- erstattung „über gesellschaftliche Strukturen und Prozesse sowie über die Voraussetzungen und Kon- sequenzen gesellschaftspolitischer Maßnahmen re- gelmäßig, rechtzeitig, systematisch und autonom zu informieren“ (Zapf 1977, 11). Die Zielsetzun- gen der Sozialberichterstattung gehen damit weit über die reine Informationsgenerierung und -prä- sentation hinaus. Vielmehr wird den aufbereiteten Informationen sowohl mit Blick auf die Allgemein- bevölkerung als auch auf die Politik eine „aufklä- rende“ Funktion zugeschrieben. Die Sozialbericht- erstattung soll idealtypisch betrachtet eine objektive Grundlage für den politischen Diskurs schaffen und so die politische Willensbildung und Zielfor- mulierung unterstützen. In einem weiteren Schritt kann bei der Planung politischer Interventionen zur Bedarfsanalyse auf die Informationen der Sozi- alberichterstattung zurückgegriffen werden; hier zeigt sich der Anknüpfungspunkt zur Sozialpla- nung (siehe Kapitel „Entwicklung und Bezugskon- texte kommunaler Sozialberichterstattung“). Schließlich ermöglicht die Sozialberichterstat- tung – wenn auch recht unspezifisch – eine Evalua- tion der Maßnahmen, indem die Zielerreichung, etwa auf der Ebene einer Verbesserung der objekti- ven und subjektiven Lebensbedingungen der Be- völkerung, durch die Dauerbeobachtung der sozia- len Indikatoren bewertet werden kann. In der politischen Praxis ist die direkte Verknüp- fung zwischen sozialer Berichterstattung auf der einen und politischer Zielformulierung und Implementation entsprechender sozialpolitischer Maßnahmen sowie deren Evaluation auf der ande- ren Seite kaum zu beobachten. Wissenschaftliche Informationen fließen nicht derart unmittelbar in politisches Handeln ein, da in politischen Prozes- sen andere Rationalitäten im Vordergrund stehen. Dennoch darf die indirekte Unterstützung der Po- litik durch die Aufklärung der breiten Öffentlich- keit und die Unterstützung der politischen Mei- nungsbildung nicht unterschätzt werden. Die Sozialberichterstattung beobachtet und beschreibt die Entwicklung der sozialen Indikatoren nicht nur neutral, sondern stellt darüber hinaus Informatio- nen für eine kritische Bewertung dieser Entwick- lung bereit. Vor allem in der Aufbauphase wurde der Anspruch formuliert, dass die Sozialberichter- stattung eine Datenbasis bieten solle, die es erlaube, eine Bewertung der Lebensbedingungen und deren zeitlichen Wandels im Sinne eines Soll-Ist-Ver- gleichs vorzunehmen und im Zeitverlauf Verbesse- rungen, aber auch Verschlechterungen offen zu le- gen. So haben insbesondere die Verbände wie der Deutsche Cariatsverband, die Arbeiterwohlfahrt, der Paritätische oder der Deutsche Gewerkschafts- bund häufig Ergebnisse der Sozialberichterstattung genutzt, um explizit Bewertungen vorzunehmen und sozialpolitische Forderungen abzuleiten. Typen der Sozialberichterstattung Zur Klassifikation der vielfältigen Ansätze unter- scheidet Noll (1997) die Sozialberichte nach der räumlichen Ebene, auf die sie sich beziehen, wie umfassend bzw. spezifisch sie ausgerichtet sind und von welchen Institutionen sie erstellt werden. In diesem Zusammenhang lassen sich Sozialbe- richte zum einen danach differenzieren, ob sie die Lebensbedingungen einer Gesellschaft umfassend beschreiben oder spezifische Lebensbereiche (Fa- milien-, Gesundheits-, Umweltberichterstattung etc.), Bevölkerungsgruppen (Frauen, ältere Men- Tab. 1:  Typologie Sozialberichterstattung (Noll 1997, 9) Ebene Typ Akteure Supranational National Regional, subnational Lokal, kom- munal Umfassend, bereichsüber- greifend Speziell: – Einzelne Lebens- bereiche – Teilpopula- tionen – Spezielle soziale Pro- bleme Amtlich: – Statistische Ämter – Ministerien Nicht amtlich: – Wissen- schaftliche Institute – Verbände

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