Handbuch 5. Auflage

1398 Beetz · Funk  den sozialen Druck, der von unterschiedlichen Gruppen ausgeht, auch die Belastungen von Müt- tern und Vätern durch Mobilitätszwänge. Mit der Verlagerung und Zentralisierung von Ver- ■ ■ sorgungs- und Bildungseinrichtungen in die Re- gion ist eine Orientierung aus den Lebenszusam- menhängen des Dorfes hinaus gegeben. Mit der Region als erweiterter Handlungsraum sind Frei- räume verbunden – auch mit der entsprechenden sozialpolitischen Öffentlichkeit und anonym zu- gänglichen Hilfeeinrichtungen. Im optimistischen Klima „neuer Erreichbarkeiten“ in der Regional- entwicklung liegen aber auch Konflikte und soziale Probleme. Schließlich ist die ■ ■ Wahrnehmung der Probleme vor Ort wichtig. Das Problem der Abwanderung von (weiblichen) Jugendlichen, der sog. „Überalte- rung“ “oder der „Entleerung“ ländlicher Räume stellt sich als eher fremd definiert dar. Anstelle des- sen lohnt sich der Blick auf die Herausbildung ei- gener Ansprüche und die spezifische Organisation von Versorgungsstrukturen, z.B. als Alternativen zum Mangel an medizinischer Versorgung die An- siedlung von Ärzten aus Polen oder das Modell der Gemeindeschwester. Eine wichtige Rolle als Unterstützungsnetzwerke spielen auf dem Land Familie und Verwandtschaft. Allerdings ist dieser Befund nicht verallgemeiner- bar, weil – z. B. wegen der hohen Mobilität und Multilokalität – familiäre Unterstützung nicht stets verfügbar ist. Hinzu kommt, dass der Rückzug in die Familie auch zu Überlastungen führt, zur Ein- engung von Handlungsoptionen und Ablösungs- problemen. Dies kann langfristig dazu führen, dass sich Probleme manifestieren oder verschärfen. In solchen „Schicksalsgemeinschaften“ herrscht eine starke Binnenorientierung auf Personen in gleicher Lebenslage mit wenigen Chancen, die Situation zu überwinden. Insgesamt steigen also eher die öffent- lichen und privatwirtschaftlichen Aufgaben der Unterstützung. Einige ländliche Regionen scheinen stärker moder- nisiert worden zu sein, während in anderen tradi- tionelle Lebensverhältnisse in den Werte- und Un- terstützungssystemen (noch) vorherrschen. Dies wird im Verhältnis von privater und öffentlicher Inanspruchnahme von Hilfen deutlich, wenn sich z. B. traditionelle Pflegearrangements durch die erhöhte Erwerbsbeteiligung, die Abwanderung von jungen Menschen sowie neue Familien- und Ge- schlechterbeziehungen verändern. Dies erfordert einen differenzierten Umgang mit sozialen Netz- werken auf dem Land. Eine wichtige Frage ist zudem, wie sich der Eigen- sinn ländlicher Lebenswelten aus dem Amalgam von Tradition und Moderne weiterentwickelt (Ilien / Jeggle 1978). Das frühindustrialisierte Land baute z. B. auf dem Rückhalt und der „Selbstaus- beutung“ in der Subsistenzwirtschaft – und damit auf einem anderen Begriff von Arbeit in der Form des bäuerlichen und häuslichen Wirtschaftens. Dieser Anspruch des Zurechtkommens durch Ei- genarbeit besteht fort (Böhnisch / Funk 1989). Hilfe und Unterstützung, die auf dem sozialöko- nomischen System von Gegenseitigkeit basieren, sind an die Funktionsfähigkeit des Einzelnen ge- knüpft (Gängler 1990), d. h. sie beruhen auf der Pflicht, für sich selbst zu sorgen. Dorföffentlichkeit und Alltagswelt gehen mit ihren besonderen Formen der sozialen Kontrolle und der Kommunikationsmuster (Personenbezogenheit, Überschaubarkeit, Gegenseitigkeit) ineinander über. Die sozialen Kreise überschneiden sich häufig („es hängt immer an den gleichen Personen“), den- noch führen berufliche, soziale und räumliche Mobilität zu deren Überschreitung. In der dörfli- chen Öffentlichkeit richtet sich die soziale Zugehö- rigkeit entscheidend nach der Person als Ganzes, nicht nur nach einzelnen (funktionalen) Aspekten (z. B. der beruflichen Position). Aber es verändert sich die Definition der Zugehörigkeit: Bildeten traditionell Besitz (Status), familiäre Herkunft und Wohndauer die entscheidenden Kriterien, treten neue – wie das Engagement in Gemeinde und Nachbarschaft – hinzu. Verschieben sich die sozia- len Strukturen und Milieus, so hat dies Auswirkung auf die Aktivitätsmuster in einer Gemeinde, wer sich wie engagiert. Die soziale Differenzierung führt dazu, dass sich nicht alle Bewohner in den etablierten Vereinen und den dominierenden Gruppen der Öffentlichkeit wiederfinden. So gera- ten Mädchen und junge Frauen in die Gefahr der individualisierten, informellen Suche nach eigenen Lebensformen, weil sie sich in der Dorföffentlich- keit nicht repräsentiert sehen (Buberl-Mensing 2000). Enge soziale Kreise und die Tradition der Eigenver- antwortung verhindern die Offenlegung von Pro- blemen, denn der Status hängt auf dem Land mehr

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