Handbuch 5. Auflage

Soziale Arbeit auf dem Land 1399 am „guten Ruf“ als am Einkommen. Sie ziehen ei- nen anderen Umgang mit biographischen Krisen nach sich, werden weniger kommuniziert, eher als äußere Widerfahrnisse dargestellt und „überstan- den“. Hier finden sich auch Erklärungsmuster für die Unsichtbarkeit von Armut: Die Distanz gegen- über der Inanspruchnahme von Sozialhilfe ist be- gründet in der Arbeitsamkeit (Chassé 1996) und in der erwarteten familiären Unterstützung. Dieser enge soziale Zusammenhang ermöglicht Wege der Hilfe und Öffentlichkeitsarbeit, er äußert sich in vielfältigen Formen der Selbst- und Nachbar- schaftshilfe. Dies funktioniert aber dann nicht mehr, wenn die Möglichkeiten zur Subsistenzwirt- schaft fehlen, nämlich in ländliche Versorgungs- und Arbeitssysteme eingespannt zu werden. Die Inanspruchnahme von (öffentlichen) Hilfen wird aber weiterhin verhindert durch die Angst vor der Offenlegung der persönlichen Lebenslage. Zudem ist auch auf dem Land keineswegs von „natürlich gewachsenen“ Gemeinschaften auszugehen, wie sich z. B. an den veränderten intergenerationellen Beziehungen und Bewohnerstrukturen zeigt. So- ziale Netzwerke müssen gepflegt werden, auch in professionellen Hilfearrangements. Eine aktive Rolle spielen dabei anerkannte Personen, die durch regionale Milieus gestützt werden. Die dörflichen Unterstützungsnetzwerke sind in peripherisierten ländlichen Gebieten durch Abwanderung und Pendelwanderungen eingeschränkt (Fischer 2005). Die Ausdifferenzierung sozialer Strukturen inner- halb der Dörfer wird sichtbar, wenn einige soziale Gruppen sich überregionale Dienstleistungen und die entsprechende Mobilität „leisten“ können bzw. über entsprechende überregionale Kompetenzen und Netzwerke verfügen, andere auf die Angebote und Hilfen vor Ort angewiesen sind. Über die engeren soziale Netze hinaus sind Unter- stützungsleistungen in hohem Maße in öffent- lichen „Vertrauenspersonen“ personalisiert, wobei Frauen eher informelle Bezugspersonen, Männer eher (männliche) Amtsträger aufsuchen (Meier 1991). Externe Beratungsstellen spielen wegen ih- rer Anonymität (vor allem für Frauen) eine Rolle, aber die Hemmschwelle liegt oft höher, weil ein Problem erstmal als solches erkannt und die geo- graphische Distanz, die teils eine kulturelle dar- stellt, überwunden werden muss. Obwohl ein un- terschiedlicher kultureller Umgang mit Krankheit, Krisen und der Inanspruchnahme von (öffent- lichen) Unterstützungsleistungen besteht, sind die lokalen und regionalen Bedingungen in dieser Hinsicht wenig erforscht worden. Die Besonderheiten ländlicher Räume erfordern Konsequenzen in der Organisation von Sozialer Arbeit. Sie verlangen einerseits das Einlassen auf den Ort, auf die vorhandene lokale Kleinteiligkeit . Nur so ist es möglich, Synergien zu vorhandenen Netzwerken zu schaffen und an der Lebenswelt der Zielgruppen anzusetzen. Auf der Strukturebene bedeutet dies, Angebote nicht nur zu zentralisieren, sondern auch dezentrale, mobile oder polyzentrale Formen zu schaffen (Thrun /Winkler-Kühlken 2005). Andererseits sind die neuen Bedarfe nach Vermittlung, sozialem Ausgleich und Unterstüt- zung nur in regionaler Verantwortung zu leisten. Die lokalen Netzwerke haben sich teilweise zum eigenen Schutze verschlossen. Es müssen sich also neue Netze mit einer vielseitigen Öffnung für Inte- ressen, Personen und Institutionen herausbilden (Arnold 2005). Soziale Arbeit sieht sich vor allem in Regionen mit geringen regionalen Entwicklungsmöglich- keiten mit den eigenen Grenzen konfrontiert, sie ist dazu angehalten, sich mit anderen Akteuren der Regionalentwicklung zu verbinden. Die mas- senhafte Freisetzung aus Arbeitsvollzügen kann durch herkömmliche Maßnahmen nicht auf- gefangen werden, aber die Neuausrichtung der Regionalpolitik befördert die wenigen Zen- tren / Regionen auf der „Gewinnerseite“. Die an- deren Regionen suchen ebenfalls Anschluss an moderne Konsum- und Wachstumsansprüche, sie leiden unter den enttäuschten Anstrengungen und der doppelten Entwertung ihrer Arbeits- strukturen und Lebenserfahrungen. Hierin be- steht der wesentliche Hintergrund für eine sozial- politische Arbeit. Auch wenn – aus Modell- und Beschäftigungsprojekten heraus – in vielen Berei- chen (Frauenhäuser, Soziokulturelle Zentren, Al- ternative Betriebe) Entwicklungen angestoßen wurden, ist sichtbar, dass diese nicht ausreichen, wenn sie durch wirtschaftliche und politische Pe- ripherisierung konterkariert werden. Die endoge- nen Ressourcen sind zudem auf ein wirtschaftlich gestütztes, sozial-offenes regionalpolitisches Klima angewiesen – im Gegensatz zu Tendenzen des Ausschlusses „fremder“ als nicht-dazu-gehörig-de- finierter Personen und Gruppen.

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