Handbuch 5. Auflage

1400 Beetz · Funk  Handlungsfelder Sozialer Arbeit auf dem Land Die dargestellten Besonderheiten des Landes be- sitzen Konsequenzen für die Handlungsfelder So- zialer Arbeit. Mit Ausnahme der Jugendarbeit gibt es dazu wenige systematische Arbeiten. Die Pro- fessionalisierung in den Handlungsfeldern der So- zialen Arbeit erfolgte weitgehend ohne Bezug auf räumliche Besonderheiten. Das Handlungsfeld Psychiatrie etablierte sich nur zögerlich auf dem Land. Die Integration chronisch Kranker ist oft gebunden an städtische alternative Milieus im Umkreis von Einrichtungen (Nette 2002; Lenz 1994). Trotz der Gefahr der institutio- nellen Verregelung ermöglichen sie den Aufbau ei- nes neuen eigenen Lebens und die Neu-Akzeptanz durch das gesamte Umfeld. Es bestehen auch rela- tiv autarke Integrationsprojekte auf dem Land, die z. B. auf gemeinschaftlicher Arbeit und landwirt- schaftlicher Tätigkeit aufbauen. Untersuchungen zu Aufgaben sozialpsychiatrischer Dienste im Stadt-Land-Vergleich betonen die ent- lastende Wirkung von nicht verdichteten bzw. mehrfach genutzten Räumen, wie sie in manchen alternativen Stadtvierteln oder auch auf dem Lande bestehen (Elegeti 1995). In Krisensituationen wer- den im ländlichen Raum Personen – auf Grund der Tendenz zur Aufrechterhaltung von Normalität („faul oder irre“) – nicht so schnell an Institutionen übergeben (Nette 2002); dies birgt die Gefahr der Chronifizierung und der Überlastung der Angehö- rigen. Im städtischen Raum erleichtert die Anony- mität den Weg in eine Einrichtung, aber die Ange- wiesenheit auf sie ist ebenfalls größer. Einen wichtigen Stellenwert für Soziale Arbeit auf dem Lande besitzt die Jugendarbeit . Die besondere Rolle der Jugendarbeit besteht auf dem Land in der Herstellung eigener soziokultureller Räume, die traditionell wenig bestehen, und gleichzeitig in der Vermittlung in die dörfliche / ländliche Erwachse- nenwelt (Böhnisch / Funk 1989). Die Duldung ei- gener soziokultureller Orte für Jugendliche ist fast ganz von einzelnen Erwachsenen und dem oft an- gespannten jugendpolitischen Klima abhängig (Rudolph 1998). Jugendliche auf dem Land haben die Chance, einen festen Ort zu finden, indem sie in der Region und im Dorf eigene soziokulturelle Orte aufbauen – und sich für die örtliche Infra- struktur engagieren (Böhnisch et al. 1997). Auch in den kleinen Orten gibt es den Bedarf, Treff- punkte außer der Bushaltestelle zu schaffen, dabei Eigenverantwortung und Selbstbehauptung zu zeigen (Schrapper / Spies 2002). „Regionalorientierung“ meint allerdings, dass sich viele Angebote nicht mehr im Dorf befinden, und dies für Jugendliche bedeutet, in der Region unter- wegs zu sein, Zugang zu unterschiedlichen Jugend- szenen zu finden und eigene Jugendräume für sich und ihr Umfeld aufzutun. Bei den Freizeitinteres- sen nimmt so das Auto- oder Motorrad-Fahren, aber auch alle Tätigkeiten rund ums Fahrzeug vor allem für Jungen einen bedeutend größeren Platz ein als bei Jugendlichen in der Stadt; während Fahrzeug und Technik für Mädchen eher Mittel zum Zweck darstellen, das eigene Auto für junge Frauen vor allem für die eigene Unabhängigkeit er- strebenswert ist (Schulz 2003, 152). Ein weiterer Antrieb für die Regionalorientierung stellt die Ab- lösung vom Elternhaus dar. Die Familienbeziehun- gen verlieren damit nicht an Bedeutung, aber für die offene und experimentierende Suche nach ei- gener Verortung nehmen die Clique und die FreundIn einen zentralen Platz ein. Die Clique oder FreundInnengruppe kommt auf Grund der geringeren Anzahl von Jugendlichen nicht immer aus demselben Ort. Die Region ist zum positiven Bezugspunkt für viele Jungen und Mädchen geworden, sie ermöglicht die Ablösung aus dörflichen und familiären Bindungen und gleichzeitig eine selbstbewusstere Rückbindung in das dörfliche Leben. An dieser Entwicklung sind auch die örtlichen Vereine beteiligt, die für Jugend- liche eine zentrale Bindung zum Ort herstellen, aber auch die Jugendverbände, wo Jugendliche ih- ren aktiven Beitrag zur ehrenamtlich getragenen Infrastruktur erbringen, dafür aber nicht immer die erhoffte Anerkennung erlangen (Böhnisch et al. 1997). Das jugendkulturelle Engagement wurde unterstützt von Jugendarbeit in offenen Jugendzen- tren und entfaltete eine eigene Ausstrahlung in die dörflichen Clubs, Initiativen und informellenTreffs. Mit der Stärkung vielseitiger jugendkultureller Räume konnten auch offensive Formen der Selbst- behauptung entwickelt und nach außen getragen werden. Einschränkungen in der Lebensperspek- tive, Belastungen und Konflikte, die sich heute durchaus regionalspezifisch noch weiter verstärken, wurden in dieser Form lange Zeit konstruktiv und von wachsender Eigenverantwortung aufgefangen.

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