Handbuch 5. Auflage
140 Wacker 2009; Hermes/Rohrmann 2006; Köbsell/Wald- schmidt 2006; Dederich 2007; Wansing 2007a). Aus Sicht der „Disability Studies“ lässt sich die Behindertenpolitik in Deutschland bislang als Po- litik der Normalisierung darstellen (Bösl 2009), der nun eine Politik der Anerkennung und Gleich- stellung folgen soll. Zugleich werden Herausforde- rungen für die Behindertenarbeit zu bewältigen sein, die sich aus dem anstehenden Systemwandel und der sich ändernden Klientel ergeben: Die de- mografische Entwicklung wird (mehr) wohnort- nahe, gemeindebasierte Unterstützungen erfor- dern, die Ressourcenlimitierung wird dazu führen müssen, Unterstützungen (mehr) über die Grenzen der Leistungsträger hinweg im gegliederten Leis- tungssystem so zu gestalten (wie beim trägerüber- greifend konzipierten Persönlichen Budget bereits möglich), dass Dienstleistungen ohne Qualitäts- abstriche wirtschaftlicher und wirksamer erfolgen können. Zugleich sind (mehr) Anreize für enga- gierte Bürgerinnen und Bürger notwendig, die ih- nen eine attraktive Rolle beim freiwilligen Einsatz für Menschen mit Unterstützungsbedarf sichern (Eigenwert beispielsweise über Anerkennung, Qualifikation /Weiterbildung, individuelle Passung und Strukturgebung /Organisation). Diese „Eh- renamtlichen“ können statt nur eine Ressource bei knapper werdenden Sozialbudgets zu sein, Brü- cken in die gesellschaftlichen Teilsysteme bauen (und damit in die gesamte Gesellschaft), insofern sie Teilhabe durch Teilhabe lebbar machen (im Sinne einer „bottom-up“-Strategie) (Röh 2009, 75). Ebenso wirksam kann eine neue Form der öf- fentlichen Kommunikation über Menschen mit Behinderung werden, die sie nicht nur eher „pas- siv“ zur Sprache bringt als problematischer Per- sonenkreis (Aktion Sorgenkind, heute: Aktion Mensch) und Sensation (über Dramatisierung und Moralisierung zur Freisetzung von Ressourcen), sondern „aktiv“ als Bürger oder speziell als Exper- ten und Ratgeber in eigener Sache (Bosse 2006). Auf professioneller Ebene versucht man den neuen Anforderungen an die Behindertenarbeit nahe- zukommen, über die Reflexion der eigenen Arbeit nicht nur als Abschied von „fürsorglicher Belage- rung“ (Böll 1979) bzw. als Fokus auf soziale Dienst- leistung, sondern auch mit einer neuen respektvol- len Haltung („Awareness“: Aufmerksamkeit und Achtsamkeit) sowie mit Verantwortungsbewusst- sein gegenüber Menschen mit Behinderung als gleichberechtigte Bürgerinnen und Bürger mit Unterstützungsbedarf (Care-Ethik, d. h. Ethik der Sorge und Sorgfalt: Biller-Andorno 2001 bzw. Ethik der Achtsamkeit: Conradi 2001). Daraus sollen sich Formen der Unterstützung bei eher ba- lancierter Macht entwickeln (können), ohne dass Teilhabeanstrengungen zu Alibiveranstaltungen verkommen. Orte für diese neuen Formen der Be- gegnung mit Behindertenarbeit finden sich vor- rangig in den gesellschaftlichen Teilsystemen und dem jeweiligen Sozialraum (dem Gemeinwesen), in dem Menschen mit Behinderung leben, und nicht in Sondersystemen (Gesellschaftsorientie- rung). Dazu passende Umgangsformen zwischen Behindertenarbeit und ihrer Klientel sind nicht nur Assistenz nach Beauftragung („Persönliche As- sistenz“: Weber 2002), sondern auch Unterstüt- zung der Selbstsorgefähigkeit („agency“ oder „ca- pacity“ / Entscheidungs-undHandlungskompetenz von Menschen mit Behinderung: Bandura 2001) und Aufbau von Resilienz (Widerstandsfähigkeit und Flexibilität: Fröhlich-Gildhoff / Rönnau-Böde 2009) als emanzipatorische Potenziale. Dass die Zukunft der Unterstützung für Menschen mit Behinderung in personenzentrierten und ge- meindebasierten Hilfeformen liegt, ist theoretisch weitgehend Konsens (Aselmeier 2008; Schablon 2008; kritisch: Ellger-Rüttgardt 2009). Mit dem „Community Care“-Konzept (Gemeindeorientie- rung, Sozialraumorientierung ) (Scholz 2009) liegt hierfür ein Zugang vor, der sich in den 1950er Jahren im angloamerikanischen Raum entwickelt hat (Means / Smith 1998) und seit den 1980er Jah- ren weltweit auch für Menschen mit Behinderung operationalisiert und realisiert wird (in Form der „Community-Based Rehabilitation“ CBR: WHO 2003 und deren Matrix, Guidelines und Projek- ten). Ein Transfer der theoretischen Konzepte in die jeweiligen Gesellschaften erfordert allerdings sowohl die spezifischen wohlfahrtsstaatlichen und kulturellen Standards zu adaptieren, das machen internationale Vergleiche deutlich, als auch einen entsprechenden politischen Willen zu entwickeln („Policy of Community Care“, z. B. kombiniert mit einem Ausstiegsprogramm aus hospitalisieren- der vollstationärer Langzeitunterbringung in Psy- chiatrie und Behindertenhilfe) und strukturierte Inklusionsbedingungen in Sozialräumen (d. h. in zusammenhängenden Bereichen, die von ihrer Be- völkerung als Wohn- und Lebensort genutzt wer-
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