Handbuch 5. Auflage

Soziale Arbeit auf dem Land 1401 Insbesondere in Ostdeutschland sind diese Räume kaum noch vorhanden oder stark gefährdet. Die Verringerung von jugendkulturellen Räumen im Dorf und in der Region sowie die Einschrän- kung und Überlastung von Offener Jugendarbeit erzeugt neue Problemlagen. In den kommunal- politisch nicht offensiv verhandelten Lücken etab- lierten sich mancherorts „rechte Organisationen“. Dem können aktive Gruppen und Cliquen, aber auch überlastete JugendarbeiterInnen nicht immer standhalten. Jugendliche ordnen sich dann entwe- der unter oder ziehen sich zurück, weil sie keine Alternative finden oder unter dem Zwang stehen, dazugehören zu müssen. „Regionalorientierung“ auf der Einrichtungsebene ermöglicht den Zugang zu alternativen Bildungs- und Beratungsmöglichkeiten. Dort, wo Probleme und Konflikte nicht offen benannt und bearbeitet werden und ein Scheitern auf die ganze Familie zu- rückfällt, sind regionale Netzwerke bedeutsam, da- mit Mädchen oder Jungen für sich eine passende Hilfe organisieren können. In gelungenen fach- übergreifenden Initiativen, die sich zuweilen auf dem Land leichter zusammenfanden als in der Stadt, hatte sich eine eigene Jugendhilfe-Infra- struktur entwickelt (Bohler / Bieback-Diehl 2001). Eine besondere Form stellten die in der Region mobilen AnsprechpartnerInnen und informell he- rausragenden Vertrauenspersonen dar – die auch in fachliche Kreise mit einbezogen waren (Knab 2001). Jungen und Mädchen müssen sich heute verstärkt in Bezug und auch in Abgrenzung zueinander de- finieren. Es wäre notwendig, die Qualität der Gruppierungen auf dem Land nach Chancen für Offenheit, Pluralität und Regeln des Umgangs unter Mädchen und Jungen in ihren jeweils unter- schiedlichen Lebensstilen neu einzuordnen. Die Besonderheit Sozialer Arbeit mit Erwerbslosen auf dem Land kann an der Struktur der Erwerbs- tätigkeit ansetzen. So herrscht insgesamt eine ge- ringere Erwerbsbeteiligung, vor allem der Frauen, die allerdings in den westdeutschen ländlichen Re- gionen zunimmt. Dadurch tritt auch die Arbeits- losigkeit von Frauen neu in Erscheinung. Die Be- schäftigtenstrukturen sind in der Landwirtschaft, dem Baugewerbe und Tourismus oft saisonabhän- gig, so dass sich Phasen unterschiedlicher berufli- cher Tätigkeiten bzw. von Erwerbstätigkeit und Erwerbslosigkeit abwechseln. Es gibt höhere Selbst- ständigenquoten und mehr mithelfende Familien- angehörige (vor allem in Westdeutschland). Auf dem Lande tritt auch die Jugendarbeitslosigkeit deutlicher hervor, hinzu kommt das begrenzte Aus- bildungsspektrum. Dies erfordert von Jugend- lichen, die bleiben wollen, oft eine Anspruchsredu- zierung oder die eigenständige Gestaltung von beruflichen Optionen, und stellt besondere Anfor- derungen an regionale Beschäftigungskonzepte (Müller 2000). Soziale Arbeit muss sich in dieser Hinsicht deutlich mehr in lokale Beschäftigungs- politik einbringen, um nachhaltige Ergebnisse zu erzielen (Böhnisch 2002). Einige der Bewältigungsstrategien im Umgang mit Arbeitslosigkeit knüpfen an spezifisch ländliche Arbeitsvorstellungen und Beschäftigungsmuster an: Häufig wird insbesondere von Männern ver- sucht, eine erwerbsbiographische Normalität auf- recht zu erhalten. Es gibt aber auch Strategien, die an Armutsökonomien bzw. Subsistenzwirtschaft anknüpfen oder Arrangements im Zusammenhang mit der Schattenwirtschaft bilden (Nebelung 2007). Frauen weichen auf die Wahrnehmung der Hausfrauen- und Mutterrolle aus. Die Tradierung von Arbeitslosigkeit, gering qualifizierter Beschäf- tigung und Bewältigungsstrategien innerhalb von Familien spielt eine große Rolle – auch in der Wahrnehmung von Verwaltungen. Die Verfesti- gung von prekären Lebenslagen einerseits, deren Dynamisierung andererseits zeigt sich allerdings auch auf dem Land und muss entsprechend in der Fallarbeit in den ARGE und Optionskommunen beachtet werden (Sparschuh 2008). Eine Zentrali- sierung geht oft mit Informationsverlusten über die Lebenssituation einher. Soziale Arbeit mit Migranten scheint vor allem ein Handlungsfeld für Großstädte zu sein, denn statis- tisch ist der Anteil der ausländischen Bevölkerung in Agglomeration dreimal so hoch wie in ländli- chen Räumen. Urbane Gesellschaften bieten für sie oft bessere Zugangs- und Lebensbedingungen (Ar- beitsmärkte, Sozialstruktur, kulturelle Pluralität, Erreichbarkeit). Dies verdeckt die besonderen Pro- blemlagen von Migranten auf dem Land: So sind ausländische Arbeitskräfte – überwiegend saiso- nal – in arbeitsintensiven Landwirtschafts- und Verarbeitungsbereichen (z. B. Wein- und Spargel- anbau) beschäftigt. Eine relativ große Gruppe von Einwanderern – auch wenn sie nicht als Ausländer erfasst werden – sind Aussiedler / Spätaussiedler.

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