Handbuch 5. Auflage
1414 H. Spitzer das jeweilige Ausbildungsland. Mit dieser Entwick- lung wird der Prozess der Vermittlung ungeeig- neter, kulturfremder Qualifikationen fortgesetzt und es werden Bemühungen um lokale kulturspe- zifische und entwicklungsorientierte Ansätze So- zialer Arbeit unterminiert (Midgley 2008, 40). Am Beispiel der Universität von Botswana kann nachvollzogen werden, wie schwierig sich die Ent- wicklung von Lehrplänen gestaltet, die sich explizit auf indigene Werte, afrikanische Vorstellungen über menschliche Beziehungen und kulturrelevante Konzepte von Hilfe und Problemlösung stützen. Beim Versuch, ein in der spezifischen Kultur Bots wanas verankertes Masterstudium der Sozialen Ar- beit zu implementieren, mussten die Initiatoren erhebliche institutionelle, hochschulpolitische, in- tellektuelle und praktische Hürden meistern. Die Leitorientierung nach westlichen Modellen Sozia- ler Arbeit gekoppelt mit der Geringschätzung eigener Konzepte und Ansätze führte zur Erfor- dernis starker Modifizierungen des ursprünglichen Curriculums (Osei-Hwedie et al. 2006; Osei- Hwedie / Rankopo 2008; Rankopo /Osei-Hwedie 2007). Der Fokus des Studiums ist auf botho aus- gerichtet, ein kulturelles Konzept, das den Men- schen in einem komplexen wechselseitigen Ver- hältnis zur Gemeinschaft sieht, in dem Respekt, Anerkennung, Kooperation, Fürsorge, Gleichheit und soziale Gerechtigkeit von zentraler Bedeutung sind. In einem Land, das eine der höchsten HIV- Prävalenzraten der Welt aufweist, werden das er- weiterte Familiensystem und die soziale Struktur der Gemeinschaft somit zum wichtigen Anknüp- fungspunkt für professionelles sozialarbeiterisches Handeln. Ein weiterer hemmender Faktor besteht in dem Mangel an indigenem Ausbildungsmaterial sowie in dem Problem, dass es Vorbehalte gibt, solcherart vorhandenes Material auch tatsächlich zu verwen- den (Mupedziswa 2001, 292). Ein Lokalaugen- schein in ostafrikanischen Hochschulbibliotheken zeigt ein Bild überwiegend veralteter Fachliteratur „westlicher“ Provenienz. Selbst in Lehrbüchern, die sich explizit als länderspezifische Einführung verstehen, finden sich kaum Hinweise auf eigen- ständige Charakteristika Sozialer Arbeit, vielmehr wird mehrheitlich bis ausschließlich auf westliche Theorien und Methoden rekurriert (für Uganda: Mwine 2007). Da der Ausbildungssektor qualita- tiv mit seinen Curricula und quantitativ mit seinen Kapazitäten den Praxisanforderungen hinterher- hinkt, werden die Agenden Sozialer Arbeit über- wiegend von unqualifiziertem Personal wahr- genommen. Als Konsequenz wurden in einigen Ländern Maßnahmen in Richtung Qualifizierung von Hilfskadern Sozialer Arbeit gesetzt. Als Bei- spiel sei Tanzania angeführt, ein Land mit fast 40 Millionen Einwohnern, in dem es eine einzige tertiäre Ausbildungsstätte für Sozialarbeit gibt. Angesichts des eklatanten Mangels an qualifizier- ten SozialarbeiterInnen, die obendrein schlecht ausgestattet sind und weit verstreut und unkoor- diniert agieren (Burke /Ngonyani 2004, 40), wurde ein spezialisiertes Trainingsprogramm für „Para-SozialarbeiterInnen“ eingeführt. Vergleich- bare Modelle gibt es auch in Äthiopien, Namibia, Nigeria, Südafrika und Zimbabwe. Theoretische Diskussionsstränge und der Ruf nach Indigenisierung Es gibt keine übergreifende Theorie, die Soziale Arbeit in ganz Afrika abbilden könnte, genauso wenig wie dies auch für die Vereinigten Staaten, Europa oder einen anderen Kontinent möglich wäre (Asamoah 1997, 303). Vielmehr gibt es eine Vielzahl von theoretischen und konzeptionellen Diskussionssträngen, mit teilweisen Überlappun- gen, Widersprüchen und Differenzen in der wis- senschaftlichen Fachwelt (Mupedziswa 2001). Osei-Hwedie (1993) sieht als Strukturproblem Sozialer Arbeit in Afrika eine breite Kluft zwischen westlichen Theorien und den lokal bedingten An- forderungen an die Praxis. Dabei kann davon aus- gegangen werden, dass es weder an erprobten Pra- xisansätzen und methodischen Zugängen noch an theoretischen Handlungsmodellen mangelt. Es zeigt sich vielmehr, dass zum einen die sozialarbei- terische Praxis kaum bis gar nicht wissenschaftlich reflektiert und theoretisch rückgekoppelt ist, zum anderen breitere gesellschaftliche, kulturelle und politische Konzepte im Hinblick auf die Relevanz für die Soziale Arbeit unangefragt bleiben. Die Notwendigkeit, eigenständige Ansätze Sozialer Ar- beit zu entwickeln, wird von manchen AutorInnen mit der Einschätzung begründet, dass es die Pro- fession bis dato nicht geschafft hat, auf die großen sozialen Probleme mit adäquaten Mitteln zu rea- gieren (Osei-Hwedie 1993). Mit der Forderung
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