Handbuch 5. Auflage
Soziale Arbeit in Afrika 1415 nach einer Indigenisierung Sozialer Arbeit ist aber nicht die völlige Abkehr von westlichen Theorie- einflüssen gemeint. Es geht mehr um einen An- passungsprozess, in dem importierte Ideen und Praktiken modifiziert werden, um sie dem lokalen kulturellen Kontext anzupassen (Rehklau / Lutz 2007a, 44). Innerhalb des Indigenisierungspara- digmas gibt es allerdings verschiedene Abstufun- gen, inwieweit übernommene und eigene Kon- zepte verschränkt werden sollen (Mupedziswa 2001; Rehklau / Lutz 2007a; div. Beiträge in: Reh- klau / Lutz 2007b). Ob von Authentisierung , Rekon- zeptualisierung oder Radikalisierung Sozialer Arbeit gesprochen wird, vorrangiges Ziel ist jeweils das Empowerment benachteiligter und unterdrückter Menschen in politischer, ökonomischer, sozialer und kultureller Hinsicht (Anderson et al. 1994). Die Indigenisierungsdebatte ist eingebettet in das Spannungsfeld von universalistischen Vorstellun- gen einer als international verstandenen Sozialen Arbeit, die stark vom Diskurs in den Industrielän- dern bestimmt ist, und den partikularen Interessen in den als unterentwickelt klassifizierten Regionen der südlichen Hemisphäre. Kritische Stimmen be- trachten Bestrebungen in Richtung einer interna- tionalen Vereinheitlichung Sozialer Arbeit als sehr problematisch (Gray et al. 2008). Die als universell definierten ethischen, ideologischen und politi- schen Positionen Sozialer Arbeit unterminieren demnach Ansätze, die Theorieentwicklung, Aus- bildung und Praxis Sozialer Arbeit im jeweiligen kulturellenKontextverankernwollen(Gray /Coates 2008). Kulturelle und spirituelle Konzepte als Anknüpfungspunkt für Soziale Arbeit Wenn die Ausrichtung der Profession in befrei- ungstheoretischer Hinsicht zu lesen ist, wird ihre Zielsetzung der Befreiung aus extremer Armut, eklatanter sozialer Ungleichheit und politischer Unterdrückung als politisch-konkrete Bildungs- aufgabe sichtbar. Das Bildungskonzept von Paolo Freire, speziell die Pädagogik der Unterdrückten (Freire 1973), ist im afrikanischen Bildungsdiskurs breit rezipiert worden und lässt sich kongenial mit den humanistischen, in afrikanischen Grundwer- ten verankerten Ansätzen des tanzanischen Bil- dungstheoretikers Julius Nyerere verknüpfen (Njo- roge / Bennaars 1986). In dieser Denktradition wird der ureigenste Zweck von Bildung in einer „Erziehung zur Befreiung“ gesehen (Nyerere 2001, 116 ff.). Die Idee des tanzanischen kujitegemea (womit das Vertrauen auf die eigenen Kräfte ge- meint ist), das als self-reliance -Konzept in weiten Teilen Afrikas Verbreitung fand, spielt dabei eine wichtige Rolle. In dem Ansatz verbirgt sich eine Absage an externe Einmischungskonzepte und eine kritische Positionierung gegenüber westlich-kapi- talistischen Entwicklungsstrategien. Aus der Per- spektive der Sozialen Arbeit bedeutet ein solcher Zugang die Verabschiedung von defizitär aus- gerichteten Interventionskonzepten. Stattdessen wird auf die Ressourcen, Potenziale und Kom- petenzen der betroffenen Menschen fokussiert, was sich konzeptuell in Ansätzen einer Hilfe zur Selbst- hilfe niederschlagen kann. In der Konsequenz rückt damit auch der ländliche Raum, der infra- strukturell, wirtschaftlich und sozialpolitisch eine besondere Vernachlässigung erfährt und in dem der Großteil der afrikanischen Bevölkerung in Form von Subsistenzwirtschaft lebt, ins Blickfeld der Aufmerksamkeit Sozialer Arbeit. Auch das ke- nianische System des harambee (Swahili-Ausdruck für „an einem Strang ziehen“) hat für die Soziale Arbeit eine große Bedeutung. In der ostafrikani- schen Region ist es ein wichtiges sozialpolitisches und alltagspraktisches Instrument, das an gemein- wesenorientierte Selbsthilfemaßnahmen anknüpft. In praktischer Hinsicht bedeutet es ein Ermögli- chungssystem, das benachteiligten und in Not be- findlichen Menschen und Bevölkerungsgruppen materielle und ideelle Unterstützung durch kollek- tive Sammelkampagnen sichert. Ein weiteres, in Süd- und Ostafrika verbreitetes kulturelles Kon- zept ist ubuntu . Es verweist auf ein ethisches Struk- turprinzip menschlichen Zusammenlebens, das auf Menschenwürde, gegenseitigen Respekt, achtsames Miteinander und Vergebung ausgerichtet ist. Ubuntu steht für die Multidimensionalität sozialer Beziehungen in afrikanischen Kulturen und ver- ortet den Menschen in der Zugehörigkeit zu einem gemeinschaftlichen Ganzen. Der Versöhnungspro- zess in Südafrika im Übergang vom politischen System der Rassentrennung zu demokratischen Strukturen war stark von dieser tief verwurzelten afrikanischen „Essenz des Menschseins“ geprägt (Tutu 2001, 34).
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