Handbuch 5. Auflage

1416 H. Spitzer  Das Anknüpfen an spirituelle und kosmologische Konzepte der menschlichen Existenz und des sozia- len Zusammenlebens spielt für die Soziale Arbeit ebenfalls eine wichtige Rolle. Komplexe Glaubens- inhalte über Ahnen und Geister, religiöse Rituale und Zeremonien sowie Systeme von Zauberei und Schadenzauberei variieren in den afrikanischen Re- gionen und Kulturen stark (Mbiti 1991). Konzepte afrikanischer Heilkunst beziehen sich in erster Linie auf die sozialen Beziehungen, in die ein Individuum involviert ist. Heilung bedeutet die Verwirklichung einer Behandlung in ihrer Gesamtheit und zielt auf die Wiederherstellung von sozialer Harmonie ab. Es geht darum, den Menschen an den Platz zu füh- ren, den er in seinem mitmenschlichen Mikrokos- mos innehat (Rosny 1994, 33 ff.). Am Beispiel von sozialen Reintegrationsmaßnahmen für ehemalige „Kindersoldaten“ in Norduganda kann verdeutlicht werden, wie wichtig die Zusammenarbeit zwischen Akteuren Sozialer Arbeit und traditionellen Heile- rInnen ist. Religiöse Versöhnungszeremonien und Reinigungsrituale, die auf dem Prinzip kollektiver Verantwortung beruhen, spielen dabei eine beson- dere Rolle. Die Schuld einer Gewalttat wird da- durch getilgt, indem die Versöhnung zwischen den Clans der beteiligten Opfer und Täter in einen ritu- ellen Akt der Wiedergutmachung eingebettet wird. SozialarbeiterInnen greifen auf die anerkannte Au- torität einer ajwaka (traditionelle Heilerin) zurück, die als Medium zwischen der Geister- und Ahnen- welt und den irdischen Lebenszusammenhängen fungiert. Erst durch das Reinigungsritual, das in- mitten der alltäglichen Lebenspraxis der Menschen stattfindet, kann eine effektive Reintegration der betroffenen Individuen in die Gemeinschaft ge- währleistet werden (Spitzer 1999, 112 ff.). Während Soziale Arbeit in den afrikanischen Län- dern wenig Anerkennung genießt, verzeichnen traditionelle HeilerInnen und die Heils- und Pfingstkirchen großen Zulauf. Dies kann vor dem Hintergrund der sowohl materiellen als auch spiri- tuellen Unterstützung interpretiert werden, die sich die Menschen von den Kirchen erwarten. Ne- ben dem Moment der Heilung bietet die „Wie- dergeburt“ in einer Pfingstkirche auch eine verita- ble Variante sozialer Sicherung durch kirchlich organisierte Systeme gegenseitiger Fürsorge und Hilfsdienste. Insbesondere Frauen und Männer aus bildungsarmen und einkommensschwächeren Schichten erhoffen sich von der Mitgliedschaft in einer Heilskirche die Erlösung von Krankheit und Leiden (Dilger 2007, 90). Komplexe soziale Problemlagen Von all den sozialen Problemen, die in den Gesell- schaften Subsahara-Afrikas virulent sind, sticht die Armut breiter Bevölkerungsgruppen in all ihren Manifestationen am meisten ins Auge (Asamoah 1997, 312). Dabei werden die zentralen sozialen Probleme der Region weniger in psychosozialer als vielmehr in sozioökonomischer Manier interpre- tiert (Laird 2008, 147), oder anders ausgedrückt: in Überlebensfragen. Die durchschnittliche Le- benserwartung in Afrika wird für 2000 mit 47 Jah- ren beziffert und beträgt somit um mehr als 30 Jahre weniger als in den Industrienationen (Sachs 2006, 257). Auch bei der Kindersterblich- keit rangieren die afrikanischen Staaten in den letzten Reihen. Dabei werden regionale Disparitä- ten sichtbar. Während 2006 in Nordafrika die Sterblichkeitsrate von Kindern unter fünf Jahren 35 pro 1000 Lebendgeburten betrug, starben in Ostafrika durchschnittlich 123 Kinder von 1000 vor ihrem fünften Geburtstag, im südlichen Afrika 146, in Westafrika 183 und in Zentralafrika 193 (UNICEF 2008, 3 ff.). In einer Reihe von Ländern im südlichen Afrika, darunter Südafrika, Botswana und Zimbabwe, sind steigende Kindersterblich- keitsraten auf HIV/ AIDS zurückzuführen. Subsahara-Afrika ist von den Auswirkungen der AIDS-Pandemie besonders betroffen. 70% der weltweit mit HIV infizierten Menschen leben in dieser Region. Im südlichen und östlichen Afrika wurde die Immunschwächekrankheit zur häufigs- ten Todesursache, und die Sargherstellung zu ei- nem boomenden Wirtschaftszweig. In einigen Ländern sinkt die Lebenserwartung dramatisch und kontinuierlich, und in manchen Gegenden leben in den Dörfern nur noch alte Menschen und Waisenkinder, so dass auch die Produktion von Nahrungsmitteln leidet (Nuscheler 2005, 158 ff.). Familien sind im Zusammenhang mit ganzen Se- rien von Krankheits- und Sterbefällen erheblichen emotionalen Belastungen ausgesetzt, die durch den stigmatisierenden Charakter der Krankheit zusätz- lich verstärkt werden. Durch eine HIV-Infektion werden oft die ökonomischen Grundlagen ganzer Familien zerstört (Dilger 2005, 94 f.). Gronemeyer

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