Handbuch 5. Auflage

Soziale Arbeit in den USA 1423 die unterhalb der Armutsgrenze leben, mindestens ein arbeitendes Familienmitglied (DeNavas-Walt et al. 2011). Die Veränderung der Sozialpolitik und der Angriff auf den Sozialstaat In einer Nation mit stetig wachsendem Reichtum ist es notwendig zu fragen: Warum sind Armut und Hunger noch so weit verbreitet? Während in der Vergangenheit Hunger durch Ereignisse ausgelöst wurde, die nicht durch Menschen kontrollierbar sind – Hungersnöte, Pest und Naturkatastrophen –, ist Hunger heutzutage, gelinde gesagt, eine nicht be- absichtigte Folge zielgerichteter Politik und politi- scher Entscheidungen. Als Beispiel sind politische Entscheidungen zu nennen, die trotz gut gemeinter Intention die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit von den Hauptproblemen ablenken und den seit Langem bestehenden kulturellen Mythos in den USA, dass die Individuen im Grunde für ihr Schick- sal selbst verantwortlich sind, aufrechtzuerhalten versuchen. Dieses Phänomen lässt sich veranschauli- chen anhand der zunehmenden medialen Themati- sierung von Fettleibigkeit im Verhältnis zu Hunger. ObwohldieFettleibigkeiteingroßesgesundheitliches Problem ist, liegt der Fokus des US-politischen Dis- kurses weniger auf den strukturellen Wurzeln von Armut, Ungerechtigkeit und Hunger, als auf den individuellen Verhaltens- und Lebensentscheidun- gen der Menschen. Die Verschiebung des politi- schen Diskurses auf diese Art und Weise führt dazu, dass verkannt wird: Fettleibigkeit ist ein Symptom von Hunger und Hunger ist wiederum ein Symp- tom von Armut, welche wiederum aus politischen Entscheidungen resultiert, welche die weitverbrei- tete Ungerechtigkeit fördern. Die Auswirkungen der ökonomischen Globalisie- rung erfordern stärkere Interventionen der Regie- rungen, um die Probleme der Arbeitslosigkeit, Ar- mut und Ungerechtigkeit angehen zu können. Aufgrund der andauernden strukturellen Defizite und der fehlenden konstitutionellen Mandate, die nötig wären, um ausgewogene Budgets zu produzie- ren, sind die Bundesstaaten nicht in der Lage, die Finanzierung von besonders stark benötigten sozi- ale Dienstleistungen zu garantieren (Turner et al. 2010). Auch die Förderung der wachsenden Anzahl von NGOs, die für Menschen, die sozial auf Hilfe und Unterstützung angewiesen sind, oft einen letz- ten Ausweg bieten, wird zunehmend eingeschränkt (Reisch / Jani 2012). Letztlich hat die US-Regierung bis heute zahlreiche Einsparungen in allen Berei- chen verabschiedet, die für den Fall, dass sie umge- setzt werden, eine Steigerung der Arbeitslosigkeit um eine Million Menschen nach sich ziehen, Steu- ereinkünfte und Ausgaben von Konsumenten redu- zieren und die Nation damit zurück in eine Finanzkrise bringen würden (Editorial 2013). Auswirkungen auf die Soziale Arbeit Diese Entwicklungen – finanzielle Einsparungen, die Gefährdung lange bestehender gesetzlicher An- sprüche auf Zuschüsse, politische Dezentralisie- rung und Veränderungen in der Beziehung von Regierung und NGOs – haben einen unausweich- lichen Effekt auf die Soziale Arbeit. Die Forderun- gen der öffentlichen und privaten Geldgeber nach größerer Rechenschaftspflicht und die Kürzung der Ausgaben haben die SozialarbeiterInnen gezwun- gen, die gesetzlich neu verordneten Interventionen umzusetzen. Die aufgrund des verringerten Bud- gets entstandene Konkurrenz zwischen den Orga- nisationen hat die Aussichten auf die Entwicklung einer effektiven Zusammenarbeit schwinden lassen (Hasenfeld 2010). Die immer größeren Auswir- kungen dieser Veränderung werden sichtbar in den Dynamiken zwischen sozialen Diensten, kulturel- len Artefakten von Praxen, bürokratischen Prozes- sen und einer Öffentlichkeit, die eine spezifische Vorstellung von Sozialarbeitern / Sozialarbeiterin- nen mit einer stigmatisierten Population pflegt (Reisch / Jani 2012). Die Privatisierung der sozialen und medizinischen Versorgung hat die Zukunft der Sozialen Arbeit da- durch neu definiert, dass soziale Dienstleistungsres- sourcen so behandelt werden, als seien sie mit öko- nomischen Gütern vergleichbar. Man nimmt an, dass die KonsumentInnen dieser Dienste eine un- eingeschränkte Wahl und ungehinderten Zugang zu diesen Dienstleistungen haben und der Mythos wird aufrechterhalten, dass der private Sektor auch für die sozialen Dienste effizienter und effektiver ist. Ironischerweise zeigen wissenschaftliche Untersu- chungen hingegen, dass die größere Effizienz durch Privatisierung nur dann gegeben ist, wenn die

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