Handbuch 5. Auflage
1424 Reisch Löhne und Zuschüsse der Angestellten gesunken sind, lebensnotwendige Aufgaben eingestellt wer- den und sich die sozialen Dienste vom traditionel- len Klientel entfernen und sich immer stärker auf diejenigen konzentrieren, die sich die personenbe- zogenen sozialen Dienste leisten können (Reisch 2010). In öffentlichen und privaten sozialen Dienst- leistungseinrichtungen wird der Schwerpunkt im- mer stärker auf den „angemessenen Ertrag“ und die Kosten-Nutzen-Effizienz gelegt. Das sind Ziele, die, abgelöst von ihrem Kontext, durch Eliten vorherbe- stimmt sind (Reisch / Jani 2012). Wissenschaftle- rInnen in den USA beurteilen derzeit eher die Effi- zienz der bestehenden Interventionen als die Ursachen der Probleme der KlientInnen. Das ist eine Veränderung, die „evidenzbasiertes Arbeiten“ genannt wird (Thyer 2007). Um den Druck dieser von außen gesetzten Standards zu entsprechen, nei- gen SozialarbeiterInnen oft dazu, die aktuellen öko- nomischen Auswirkungen, die demografischen und kulturellen Veränderungen der KlientInnen, ihre Bedürfnisse und Hilfsbedürftigkeit zu ignorieren. Das führt eher zu einer Betonung der Resilienz der KlientInnen als zu einer Entwicklung von Wider- standsstrategien (Reisch 2013). Die Kombination aus unnachgiebigen ideologischen Angriffen, Kür- zungen der von der Regierung finanzierten sozialen Wohlfahrtsprogramme, wachsende Unsicherheit über die Brauchbarkeit sozialer Leistungen in der Zukunft und fehlende Klarheit über die nationalen politischen Ziele haben das Vertrauen der Öffent- lichkeit in das Ziel von Wohlfahrtsmaßnahmen so- wie in die Fähigkeit des Staates, effektive Dienstleis- tungen zu implementieren, gemindert (Reisch / Jani 2012). Die Fokussierung auf Marktmechanismen, die sich sogar in der Gesetzgebung zur Reform des Gesundheitswesens widerspiegelt (Affordable Care Act 2010), gefährdet den Grundsatz der Sozialen Arbeit und fordert die ethische Basis des Berufs he- raus, z. B. durch die Betonung der finanziellen Inte- ressen der Krankenhäuser, Versicherungen und Pharmahersteller anstelle der Bedürfnisse des Ein- zelnen und dessen Familie (Reisch 2012). Es gibt somit zunehmend Effekte dieser Entwick- lungen, die schwerwiegende Folgen für die Zukunft der Sozialen Arbeit haben. Erstens werden sie die sozialen Kosten der ökonomischen Globalisierung auf die am meisten gefährdeten und stigmatisierten Gruppen der Bevölkerung übertragen und dadurch die Probleme, denen SozialarbeiterInnen tagtäglich ausgesetzt sind, vergrößern. Zweitens hat sich der Druck auf die lokalen Entscheidungsinstanzen er- höht und NGOs dazu gebracht, sich vermehrt, wenn nicht ausschließlich, auf marktkonforme Lö- sungen ökonomischer und sozialer Probleme zu ver- lassen (Acs/Nichols 2010). Drittens haben sie den Druck auf multiethnische und schichtenübergrei- fende Bündnisse erhöht, den politischen Diskurs von den strukturellen Ursachen der Ungerechtigkeit hin zu einer Diskussion der individuellen oder kul- turellen Defizite der SozialhilfeempfängerInnen zu verschieben (Parker 2012). Bis heute gab es wenig Widerstand der US-ameri- kanischen SozialarbeiterInnen gegen diesen Trend. Für die meisten Bereiche hat sich das Berufsbild trotz der Rhetorik der sozialen Gerechtigkeit an den neuen politisch-ökonomischen Kontext der Praxis in Bezug auf Vokabular, Theorien, For- schungsschwerpunkte und Interventionsmöglich keiten hin angepasst. Eine notwendige neue Struktur der praktischen Sozialen Arbeit hat sich noch nicht durchgesetzt (Stoesz et al. 2010). So konzentriert sich beispielsweise der größte Teil der Sozialen Arbeit heutzutage eher darauf, die Effek- tivität der eingeführten Interventionen zu messen, als die strukturellen Wurzeln der Probleme derer zu analysieren, an die sich die Interventionen rich- ten (Reisch / Jani 2012). Die sich durchsetzenden theoretischen Konstrukte bestärken die individu- alistischen Begründungen menschlicher Bedürf- nisse, d. h. verfolgen einen linearen Blick auf die Verursachung und orientieren sich an dominanten, kulturellen und das Verhalten betreffenden Erwar- tungen (Jani / Reisch 2011). Die Parallelisierung der Entwicklungen in der Praxis und der Betonung von standardisierten Testverfahren in öffentlichen Schulen hat das Studium im Bereich der Sozialen Arbeit in den USA dahingehend verändert, dass nun in erster Linie die Leistungen der Studieren- den quantitativ gemessen werden und ein verengter Blick auf epistemologische und professionelle Ent- wicklungen gelegt wird (Council on Social Work Education 2009). Zusammenfassend lässt sich fest- stellen, dass US-amerikanische SozialarbeiterIn- nen nicht bedenken, dass die institutionellen und ideologischen Kräfte, die hinter den dramatischen Veränderungen des Praxisalltags stehen, Ziele und Werte verfolgen, die dem Beruf mit seiner starken Orientierung auf soziale Gerechtigkeit entgegen- stehen (Noble /Henrickson 2011). Ohne eine ef-
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