Handbuch 5. Auflage
Soziale Arbeit in der Schweiz 1431 und hielt sich im Vergleich zum internationalen Umfeld auch noch weit über den Zweiten Welt- krieg hinaus. Dies hatte u. a. verheerende Folgen auf die Praxis der „Kindswegnahmen“ bzw. Fremd- platzierungen (Leuenberger / Seglias 2008), ins- besondere im Rahmen des von der Pro Juventute lancierten Projekts „Kinder der Landstrasse“ (Leim- gruber et al. 1998). Zugleich führte es zu einer Verdrängung bereits in Ansätzen im 19. Jahrhundert vorhandener (sozial-) pädagogischer und gesellschaftstheoretischer Deu- tungsansätze sozialer Probleme (Grubenmann 2007). Dass sich diese begriffliche Deutung von Verwahrlosung in der Praxis der Jugendfürsorge als neue Steuerungsform des Sozialen niederschlug, weist Wilhelm (2005) aufgrund eines umfangrei- chen Aktenstudiums eindrücklich nach. Wilhelm legt zudem dar, dass die Rolle der Pädagogik ins- besondere zu Beginn des 20. Jahrhunderts margi- nal war und blieb. „Was heute rückblickend als sozialpädagogische Praxis interpretiert wird, ist also weniger aus der Erziehung bzw. der Pädagogik hervorgegangen, als aus einem Konglo- merat disziplinärer und beruflicher Zusammenhänge, in denen der Pädagogik als Reflexion der Erziehungstatsa- che bzw. der Erziehungswirklichkeit eine untergeordnete Rolle zukam“ (Wilhelm 2005, 141). Der Verwissenschaftlichungsprozess im Sinne einer Konsolidierung von Expertenwissen für die Praxis zeichnete sich aber nicht nur in der Rationalisie- rung der Jugendfürsorge (Wilhelm 2005), sondern auch in der Etablierung einer rationellen Armen- pflege, insbesondere für männliche Armenpfleger, ab. Die schweizerische Armenpflegerkonferenz wurde 1905 gegründet. Ihr Ziel war die Förderung des Austauschs über Themen der Armenfürsorge und die personelle Vernetzung. Bereits 1902 hatten Carl Alfred Schmid, Chefsekretär der freiwilligen Einwohnerarmenpflege Zürichs, und der Zürcher Pfarrer Albert Wild ein Vademecum für Armen- pfleger verfasst, welche als Grundlage der rationel- len Armenpflege galt. Basierend auf dem Elberfel- der System wurde für eine ehrenamtliche, quartiersbezogene Hilfe von Mensch zu Mensch, einer Individualisierung von Hilfe plädiert. Diese Grundsätze wurden an den Armenpflegerkon- ferenzen diskutiert, weiterentwickelt und gelehrt (Sutter et al. 2008). Diese Spezialisierung der Männer führte aber nicht zu einer Akademisierung der neuen beruflichen Tätigkeit. Die Versuche und Anträge, die Fürsor- gewissenschaft als gesellschaftswissenschaftliches und nicht etwa als philosophisch-pädagogisches Studium an den Universitäten zu etablieren, schei- terten mehrmals. Der deutsche Sozialreformer Wilhelm Feld stellte 1922 mit Hilfe der Schweize- rischen Gemeinnützigen Gesellschaft ein Gesuch für die Aufnahme von Vorlesungen der Fürsorge an allen schweizerischen Hochschulen. Das Gesuch wurde mit der Begründung, ein guter Praktiker müsse vom Leben geschult werden, abgelehnt (Wilhelm 2005, 144 ff.). Interessanterweise gab es ab 1908 eine Privatdo- zentur für Sozialpädagogik an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Zürich. Der gebürtige Sachse Robert Seidel war als gelernter Tuchmachergeselle in die Schweiz gekommen. Er absolvierte ein Studium zum Sekundarlehrer, war Mitglied der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz und aktivierte sich politisch im roten Zü- rich. Vor diesem Hintergrund griff Seidel den Be- griff „Sozialpädagogik“ als reformerische Denk- weise für die neue Schule auf und plädierte in Anlehnung an Kerschensteiner für eine Arbeits- schule als Schule der Zukunft (Seidel 1919). Es wird deutlich, dass diese Auslegung von Sozialpä- dagogik als reformpädagogischem Kampfbegriff keine Berührungspunkte mit der sich professiona- lisierenden Sozialen Arbeit in der Schweiz hatte. Auch blieb der Einfluss der Reformpädagogik auf die Schulentwicklung (Grunder 1999) und die Bedeutung der bürgerlichen Jugendbewegung (Pe- tersen 2001) im Vergleich zu Deutschland äußerst gering. Im Kontext des Professionalisierungsprozesses der sozialen Frauenschulen, welche bis in die 1950er Jahre Frauen vorbehalten waren und sich mit dem Zugang der Männer in Schulen für soziale Arbeit umbenannten, wurde mit dem Import des „Social Casework“ der Verwissenschaftlichungsprozess vo- rangetrieben. Geprägt von den Ideen der „geistigen Mütterlichkeit“ und den einhergehenden Tugen- den der Einfühlsamkeit, angereichert mit Wissens- beständen aus Psychologie, Pädagogik, Rechts- und Volkswirtschaftlehre, Sozialpolitik, Aktenführung, Singen- und Freizeitgestaltung war das Professions- verständnis dementsprechend als eigentliche Beru- fung und spezialisierte Kulturaufgabe bis in die
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