Handbuch 5. Auflage

1432 T. Gabriel · Grubenmann  1950er Jahre vorherrschend. Mit dem aus den USA importierten „Social Casework“ wurde der Fokus auf wissenschaftlich gestützte Diagnose, Beratung und geplante Hilfe verschoben. Damit einher ging aber auch eine Psychologisierung der Sozialarbeit (Sutter et al. 2008). Mit der Ausdifferenzierung des Sozialbereichs wur- den zunehmend spezialisierte Schulen gegründet, was dazu führte, dass in der Schweiz bis in die 1990er Jahre im Berufsbildungsbereich drei ver- schiedene Ausbildungsgänge existierten: Sozial- arbeit, Sozialpädagogik und soziokulturelle Ani- mation.Nach1968nahmdiesozialwissenschaftliche Ausrichtung der Ausbildungsgänge tendenziell zu (Wolfisberg 2006). Zwischen den Schulen gab es wenig Austausch. So erfuhr in den 1980er und 1990er Jahren die systemtheoretische Auslegung nach Staub-Bernasconi als „Zürcher Schule“ auch international einen großen Bekanntheitsgrad. Die Akademisierung verlief dementsprechend eigen- ständig. 1971 wurde der erste Lehrstuhl für Sozial- pädagogik an der Universität Zürich besetzt. Sozi- alpädagogik bestand fortan als Teilgebiet von Pädagogik nebst zwei Nebenfächern der Philoso- phischen Fakultät. An der Universität Fribourg war ab 1971 das Monofach Sozialarbeit mit einem ei- genen Lehrstuhl vertreten. In den letzten 15 Jahren dominierten zwei zentrale Veränderungen die Entwicklung der Sozialen Ar- beit in der Schweiz: die Etablierung der Fachhoch- schulen und die Einführung der Bolognareform. Im Zuge einer allgemeinen Berufsbildungsreform verabschiedete das eidgenössische Parlament 1995 ein Bundesgesetz über die Fachhochschulen, wel- ches die Zuständigkeit neu organisierte. Davon war auch die Soziale Arbeit betroffen, welche erst- mals nicht mehr kantonal, sondern auf eidgenössi- scher Basis geregelt wurde. 2005 trat das revidierte Fachhochschulgesetz in Kraft, welches einen vier- fachen Leistungsauftrag kodifiziert: „Sie sollen Di- plomstudiengänge führen, diese durch ein Angebot an Weiterbildungsveranstaltungen ergänzen, an- wendungsorientierte Forschungs-und Entwick- lungsarbeiten durchführen und Dienstleistungen für Dritte erbringen“ (Forrer Kasteel /Truniger 2008, 14). Aktuell ist Soziale Arbeit in der deutsch- sprachigen Schweiz an der Hochschule Luzern, der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaf- ten, der Fachhochschule Bern, der Fachhochschule St. Gallen sowie der Fachhochschule Nord-West Schweiz vertreten. Für die französischsprachige Schweiz ist „travail social“ an der Haute Ecole Spé- cialisée (FachhochschuleWestschweiz) zentralisiert, mit den Standorten Genf, Fribourg, Lausanne und Wallis. Im Tessin existiert Soziale Arbeit auf Fach- hochschulebene an der „Scuola Universitaria Pro- fessionale della Svizzera Italiana“ in Manno. Aktuelle Tendenzen und Entwicklungen: Theoriebildung durch Empirie Ein Kennzeichen für die Historie der Sozialen Ar- beit in der Schweiz besteht – vergleichbar zu Deutschland – darin, dass sich die Ausbildung Jahrzehnte außerhalb des akademischen Systems im beruflichen Bildungswesen entwickelte. Neben problematischen Folgen für die spätere Verwissen- schaftlichung der Sozialen Arbeit an Universitäten und Fachhochschulen liegt in der langjährigen aka- demischen Abstinenz des Faches eine historische Begründung für seine Distanz zur empirischen Forschung (Gabriel 2001, 161). In anderen Ländern, wie beispielsweise den USA, verlief die Integration in das akademische System schrittweise und früher (Reichert /Wieler 2005, 1613), dies erklärt die disziplinäre Bedeutung von Forschung zu „Social Work“ im anglo-amerika- nischen Raum. In den USA, wie auch in England, existierten keine eigenständigen Ausbildungen an Schulen, sondern Kurse in Zusammenarbeit mit Universitäten (Ruf 1994, 194). Etwa zeitgleich zur europäischen Entwicklung begannen 1898 die ersten Sommerkurse in den USA an der Columbia University, die bereits 1940 an der Columbia Uni- versity School of Social Work in eine akademische Ausbildung überführt wurden und ab 1952 ein ei- genes Promotionsrecht besaßen. In der Schweiz findet scheinbar 1971 mit der Ein- richtung der Universitätsausbildungen in Sozialpä- dagogik (Universität Zürich) und Sozialarbeit (Universität Fribourg) die Professionalisierungs- geschichte des Faches durch die Verwissenschaftli- chung einen Abschluss. Es sollte jedoch noch etwa drei Jahrzehnte dauern bis die Fachhochschulen in der Schweiz gegründet wurden, wie in Deutsch- land durch eine Akademisierung der höheren Fach- schulen. Erst in letzter Zeit zeigen sich politische Bestrebungen einer Harmonisierung und Anglei- chung der unterschiedlichen Hochschultypen im

RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=