Handbuch 5. Auflage

1438 Lorenz  während Interventionen gerade auch von öffent- licher Seite im liberalen, residualen Regime des Vereinigten Königreich stets im Verdacht stehen, eine stigmatisierende Wirkung zu haben. Daraus resultiert dort eine methodologische Polarisierung zwischen explizit personenorientierten Ansätzen und jenen der politischen, selbstgeleiteten Mobili- sierung oder der Parteinahme ( Advocacy ) gegen staatliche Maßnahmen der sozialen Kontrolle. Das in Ländern der korporatistischen Regime (etwa Deutschland, die Niederlande und Österreich) vorherrschende Prinzip der Subsidiarität trägt zu einer stärkeren Betonung der Zugehörigkeit zu zi- vilgesellschaftlichen Identitätsgebilden bei, gibt aber daher weniger Anlass, Fragen der sozialen Gerechtigkeit im Rahmen von Interventionen zu artikulieren. Der Dienstleistungsbegriff ist hier methodologisch schwerer zu erfassen. Diese Grundorientierungen bleiben auch ange- sichts des Konvergenzdrucks, den neoliberale Ideo- logien gerade in der Sozialpolitik ausüben, erstaun- lich resistent, werden aber in der vergleichenden Methodologie der Sozialen Arbeit ungenügend ge- nutzt im Sinne einer kritischen sozialpolitischen Reflexion (Lorenz 2006). Vielmehr stand in den meisten europäischen Ländern das Bemühen um Akademisierung und Professionalisierung der So- zialen Arbeit im Zentrum, in dem – wie es sich jetzt zeigt fälschlichen – Bemühen, hierdurch eine Distanz zu sozialpolitischen Einflüssen schaffen zu können. Aktuelle sozialpolitische Veränderungen wirken sich dahingehend aus, dass sich die Träger- struktur sozialer Dienstleistungen weiter diversifi- ziert, teilweise unter marktähnlichen Bedingungen, ohne dass der explizite Bezug zu einem Solidaritäts- konzept irgendeiner politischen Richtung her- gestellt würde, was die Privatisierung und Familia- risierung sozialarbeiterischer Methoden weiter vorantreibt (Richter et al. 2009), der die entpoliti- sierte Akademisierung und Forschungsorientierung der Profession schon Vorschub geleistet hatte. Unter diesen Vorzeichen schritt die methodologi- sche Differenzierung der Sozialen Arbeit in Europa insgesamt voran entlang einer Achse, die sich zwi- schen der Betonung von psychologischen und so- ziologischen Elementen bewegt, jedoch von unter- schiedlichen akademischen Diskursen geprägt ist. Die Epistemologie von Social Work konzipiert das Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft vom Gesichtspunkt der dabei auftretenden Span- nungen und Krisen, die jeweils mit der Methoden- triade Case Work – Group Work – Community Work bearbeitet werden können, um einen Ausgleich der Interessen beider Seiten zu erreichen. Dabei wer- den Krisen im direkten oder indirekten Rückbezug auf psychoanalytische Konzepte, die diesen Dis- kurs wesentlich prägten, als Chancen der persön­ lichen oder kollektiven Steigerung von Bewälti- gungskompetenzen gesehen. Jedoch gibt diese „defizitäre“ Orientierung der Sozialarbeit den Ruf, von gegebenen rechtlichen und politischen Rah- menbedingungen abhängig zu sein und letztlich die bestehenden Gesellschaftsverhältnisse zu legiti- mieren statt diese zu hinterfragen, auch wenn ge- rade in dieser Tradition politisch radikale Ansätze generiert wurden, etwa in der Form von Radical Social Work – Feminist Social Work oder Community Action und das Konzept von Empowerment noch immer letztlich auf Transformationen des Systems abzielt (Lavalette / Ferguson 2007). Demgegenüber hat der Diskurs der Pädagogik zumindest poten- ziell immer den kontinuierlichen Transformations- prozess der Gesellschaft als allgemeinen Lernpro- zess imBlick,wodurch sichdieProblemorientierung relativiert. Umgesetzt wird aber dieser auf die ge- meinsame Gestaltung des Sozialen ausgerichtete pädagogische Gedanke häufig in Erziehungskon- zepten, die sich dann doch wieder an als defizitär eingestufte Individuen oder Gruppen wenden, vor allem in Ländern und Kulturen, die eben ihrer So- zialpolitik keine allgemeine pädagogische Funktion überantworten, sondern im Sinn des Liberalismus individuelle Lernbemühungen betonen. Die päd- agogische Aufgabe bleibt hier auf erzieherische In- stitutionen beschränkt, und so können politische Kulturen wie die Englische auch den Begriff Päd- agogik nur als Education übersetzen und verstehen, selbst wo dieser zu Community Education aus- geweitet wird wie in Schottland. Die Studentenbe- wegung von 1968 gab der Pädagogik überall neue Impulse, und eine explizit politische Version von Pädagogik konnte auch in nicht-deutschsprachigen Ländern durch die Rezeption Paulo Freires „Päd- agogik der Unterdrückten“ (1971) Fuß fassen. Um Rückfälle in paternalistische Denkmuster der Päd- agogik zu vermeiden, wurde um diese Zeit in den Niederlanden auch das Konzept der „Agogik“ wie- der aufgegriffen. Parallel dazu verbreitete sich vor allem in franko-lateinischen Ländern der Metho- denansatz von Animation , der das kreative Er-

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