Handbuch 5. Auflage
Soziale Arbeit in Mittel- und Osteuropa 1445 von Arbeitsverfahren und mit der Assoziation der- jenigen, die diesen Beruf ausüben. Zur Professio- nalisierung der Sozialarbeit kam es in den meisten Ländern Mittel- und Osteuropas in der Zeit zwi- schen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg, wobei aber die ersten Versuche einer systematischen Ausbildung schon früher stattgefunden haben. Zum Beispiel wurde in Polen schon seit dem Jahre 1925 das Studium der sozialen Aufklärungsarbeit organisiert und in demselben Jahr wurde auch die Schule für Sozialarbeit in Krakau und Posen ge- gründet. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde an der Universität in Lodz das Studium der sozialen Aufklärungsarbeit fortgesetzt (Wódz 1998). Auf Veranlassung der totalitären Regime hin mussten Schulen dieser Art in den mittel- und osteuropäi- schen Ländern zum Teil schließen. In der Tsche- choslowakei wurden im Jahre 1953 zwei Soziale Hochschulen geschlossen und bis zum Jahre 1989 konnten Sozialarbeiter ihre Ausbildung nur in ei- nem 2-jährigen, auf das Abitur aufbauenden, so- zial-rechtlichen Studium erreichen (Chytil / Popel- ková 2002). In Rumänien wurde das Studium der Sozialarbeit an den Universitäten im Jahre 1952 gestrichen, an Mittelschulen geschah dies im Jahre 1969 (Ciot 2004). Im Unterschied dazu etablierte sich in den Ländern des damaligen Jugoslawiens in den 1950er Jahren die Ausbildung der Sozialarbei- ter, und zwar gerade auf interne Anstöße innerhalb der kommunistischen Partei hin. Verdienste darum erwarb sich eine Gruppe von aufgeklärten sozialen Aktivistinnen, die an der nationalen Befreiung teil- nahmen und in der Partei Autorität genossen. Diese Partisaninnen bearbeiteten Themen der So- zialpolitik und waren auch in der Lage, die Not- wendigkeit der Ausbildung der Sozialarbeiter zu verteidigen. Kroatien führte also als eines der ersten Länder des damaligen Jugoslawiens eine ursprüng- lich 2-jährige Ausbildung in der Sozialarbeit ein, und zwar im Jahre 1952 in Zagreb (Zaviršek 2008). Drei Jahre später wurde eine Schule für Sozialarbeit in Slowenien gegründet. In den 1950er Jahren hatten etwa 7% der hiesigen Sozialarbeiter eine höhere Ausbildung oder eine Hochschulausbildung (Zaviršek / Leskošek 2005) erreicht. Die Entwicklung der Sozialarbeit als einer moder- nen Profession mit ausgebildeten Mitarbeitern er- folgte aber erst nach den demokratischen Ände- rungen, die in den kommunistischen Ländern insbesondere in den 1990er Jahren stattfanden. Meistens knüpfte man dabei an die Vorkriegstradi- tionen an, mit Ausnahme von Litauen (Źalimiene 2003) oder auch Russland (Iarskaia-Smirnova / Ro- manov 2004), wo die Sozialarbeit im Jahre 1991 erstmals in Erscheinung trat. In demselben Jahr zerfiel Jugoslawien in einem dramatischen Kriegs- konflikt und dessen Nachfolgeländer (Bosnien und Herzegowina, Montenegro, Kroatien, Makedo- nien, Slowenien, Serbien) machten sich auf und schlugen ihre eigenen Wege ein. In Ungarn wurde zwar die erste Ausbildungsmöglichkeit bereits im Jahre 1985 (Fruttus 2004) eingeführt, die Ent- wicklung der Sozialarbeit als einer modernen Pro- fession fand aber erst im Zusammenhang mit den politischen und gesellschaftlichen Veränderungen nach dem Jahre 1989 (Kozma 2007) statt. In meh- reren Ländern organisierten sich die Ausbildenden in der Sozialarbeit und formulierten einen gewissen Standard für die Ausbildung in der Sozial- arbeit – also eine Grundausstattung, die für die Ausübung der Profession notwendig ist. In der Tschechischen Republik kam es im Jahre 1993 dazu, in Polen drei Jahre später. In Rumänien ist die Sozialarbeit eng mit der Kirche verbunden, in der die Menschen öfter nach Lösun- gen ihrer Probleme suchen als bei den Sozialarbei- tern. Aus diesem Grund entwickelten sich die Möglichkeiten eines Zweifach-Studiums der Sozi- alarbeit und Theologie (Ciot 2004; Béla 2004). Mehrere Länder suchten nach ihren Vorbildern im Westen – zur Entwicklung der Sozialarbeit in Li- tauen nach dem Jahre 1990 trugen vor allem Ein- flüsse aus Schweden und Finnland bei (Lazutka et al. 2004), Kroatien bezog sich vor allem auf ame- rikanische Konzepte (Zaviršek / Leskošek 2005). Unterschiede in der theoretischen Auffassung, in den Ausgangspunkten und in den vorherrschen- den Konzepten gibt es nicht nur zwischen den einzelnen Ländern, sondern auch innerhalb der Länder. Zum Beispiel gibt es in der theoretischen Verankerung der Sozialarbeit in der Slowakei deutliche Unterschiede zwischen den einzelnen Universitäten. An der Universität in Trnava wer- den theoretische Konzepte, die auf der deutschen Sozialpädagogik basieren, favorisiert (Levická 2005, 2006), die Universität in Prešov bevorzugt die theoretische Verankerung der Sozialarbeit in der Pädagogik (Tokárová 2003). Die Komenský- Universität in Bratislava orientiert sich theoretisch eher an psychologischen Konzepten der Sozialarbeit
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