Handbuch 5. Auflage

1452 Scheipl  „dass das Kind von dem ersten Augenblicke seiner Exis- tenz an bis zu seinem Eintritte in das Alter der Selbstän- digkeit […] zum Gegenstande einer bewußten und plan- mäßigen Fürsorge gemacht werden soll, welche sich Familie, Gesellschaft und Staat zu teilen haben“ (Kinder- schutzkongress 1907, Bd. 3, 7 f.). Erste wichtige Konsequenzen waren die Einrich- tung der „Zentralstelle für Kinderschutz und Ju- gendfürsorge“ (1908) und die Gründung der gleichnamigen Zeitschrift (1909). Bedingt durch den Ersten Weltkrieg sind weitere grundsätzliche Überlegungen der zwei KSK erst in der Ersten Re- publik – vor allem im „Roten Wien“ der 1920er Jahre – zum Tragen gekommen. Das im Jahr 1919 aus den beiden noch im Krieg (1918) gegründeten Ministerien für Soziale Fürsorge und für Volksge- sundheit zusammengefasste Ministerium für Soziale Verwaltung bildete eine bedeutsame verwaltungs- mäßige Grundlage für den Ausbau sozialpolitischer Leistungen am Beginn der Ersten Republik. Dafür ist mit der Einführung der Unfall- und Kranken- versicherung für Arbeiter (1887 / 1888) im Rahmen des Beginns der Konstituierung einer gesamtstaatli- chen Sozialpolitik in den 1880er Jahren der Grund- stein gelegt worden – in Abgrenzung zur herkömm- lichen Armenfürsorge (Talos 1981). Hinsichtlich der Entwicklung der Sozialpädagogik in Wien ist zunächst August Aichhorn (1878–1949) zu erwäh- nen. Nach verantwortlicher Mitarbeit beim Aufbau des Hortwesens im Wien der Vorkriegszeit entwi- ckelte Aichhorn nach dem Krieg in Anlehnung an S. Freud ein psychoanalytisch orientiertes Erzie- hungskonzept im Rahmen der Heimerziehung. Er baute es zu einer Theorie der Verwahrlosung aus und erprobte das Konzept im Rahmen der Erzie- hungsberatung (Adam 1999). Siegfried Bernfeld (1892–1953) gilt als „der ‚Entdeckteste‘ aller Sozi- alpädagogen“ (Niemeyer 1998, 171). Neben zahl- reichen jugendpädagogischen Initiativen unter- nahm er im Erziehungsexperiment im Wiener „KinderheimBaumgarten“ (1919–1920) den ernst- haften, wenn auch nicht unproblematischen „Ver- such, das Problem einer ‚Erziehbarkeit‘ […] mit psychoanalytischen Mitteln anzugehen“ (Barth 2009, 172). Doch ab Mitte der 1920er Jahre domi- niert die Individualpsychologie von Alfred Adler (1870–1937) das reformorientierte (sozial-)päd- agogische Geschehen in Wien – etwa über den Auf- bau eines Netzes von individualpsychologischen Erziehungsberatungsstellen (Datler et al. 2001). Als ein Zentrum der Jugendforschung im deutschspra- chigen Raum neben Hamburg und Dresden galt in jener Zeit das Psychologische Institut der Universi- tät Wien um Karl und Charlotte Bühler (Rosen- mayr 1962) u. a. mit Hildegard Hetzer (1899– 1991), Lotte Danziger (1905–1992) und Paul Lazarsfeld (1901–1976). Hildegard Hetzer, Assis- tentin bei Charlotte Bühler (1893–1974) und vor- mals Schülerin von Ilse Arlt (1876–1960), unter- suchte in ihrer beispielgebenden Studie über „Kindheit und Armut“ (1929) empirisch-systema- tisch, inwiefern „ungepflegte Kinder“ benachteiligt werden. Im Zusammenwirken mit Hetzer und He- lene Löw-Beer erarbeitete Lotte Danziger (später: Schenk-Danzinger) mit „Pflegemutter und Pflege- kind“ (1930) den ersten empirischen Beitrag zur deutschsprachigen Pflegefamilienforschung. Paul Lazarsfeld konnte mit den Untersuchungen zu „Ju- gend und Beruf“ (1931) die engen Zusammen- hänge zwischen Sozialstruktur und Berufswahl bei Jugendlichen aufdecken. Gemeinsam mit Marie Jahoda und Hans Zeisel, unter Mitarbeit von Dan- ziger, erarbeitete Lazarsfeld auch die soziografische Studie über „Die Arbeitslosen von Marienthal“ (1933) (Müller 2008), die für die gegenwärtigen Forschungsansätze zur Lebenswelt- und Sozial- raumorientierung nach wie vor als wegweisend gel- ten kann. In diesem Kontext, obwohl Lazarsfeld keinen Bezug darauf nimmt, ist das Modell der Lebenslage von Otto Neurath (1882–1945) anzu- führen (Neurath 1931 / 1981, 510 ff.). In gegen- wärtigen Beschreibungen zur Armutslage als Man- gel an Teilhabechancen finden sich inhaltliche deutliche Bezugnahmen auf diesen Ansatz. Fritz Redl (1902–1988), in Wien ausgebildet und ab 1936 in den USA tätig, interpretierte Verhaltens- schwierigkeiten seiner Heimkinder als Störungen ihrer Ich-Funktionen und entwickelte zu deren Be- hebung die Maßnahmen „Therapeutisches Milieu“, „Life Space Interview“ und „Gruppenpsychologi- sche Ansteckung“ (Fatke 1999). Bruno Bettelheim (1903–1990) begann nach seiner psychoanalyti- schen Einführung in Wien seine sozialpädagogisch- therapeutische Karriere erst, nachdem er nach fast einjähriger Internierung in den KZs Dachau und Buchenwald (1938 / 39) in die USA emigriert war (Sutton 1996). Anton Afritsch (1873–1924) regte mit der Gründung der „Kinderfreunde“ (1908) in Graz die jugendpädagogische Arbeit an. Der im KZ

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