Handbuch 5. Auflage
Soziale Arbeit in Österreich 1453 Buchenwald umgekommene Otto Kanitz (1894– 1940) wurde zur Leitfigur dieser um „1930 wahr- scheinlich größten Laienpädagogik-Bewegung au- ßerhalb der Kirchen in Mitteleuropa“ (Müller 1988, 172). In der Jugendbewegung orientierte man sich vor dem Ersten Weltkrieg zunächst noch an „reichsdeutschen“ Vorbildern (Österreichischer Wandervogel, Jüdischer Wanderbund, Wiener Gruppe um die Zeitschrift „Der Anfang“). Im Ver- lauf der Ersten Republik gewann die katholische Jugendbewegung „Bund Neuland“ (gegründet 1921) unter Michael Pfliegler (1891–1972) eine beachtenswerte Stellung (Seewann 1971). Parallel zu diesen Entwicklungen wirkte Ilse Arlt (1876–1960) im sich herausbildenden Handlungs- feld der Sozialarbeit, damals: Fürsorge. Mit der Einrichtung der 2-jährigen „Vereinigten Fachkurse für Volkspflege“ im Jahr 1912 wurde Arlt zur Be- gründerin der Ausbildung für die Sozialarbeiter(in- nen) in Österreich. Sie verstand Fürsorge als „An- gewandte Armutsforschung“ (Arlt 1958, 51). Als Nationalökonomin erkannte sie, dass ihre Diszip- lin die mannigfaltigen Gegebenheiten von Armut nur unzulänglich abbildete. Diese Erkenntnis führte Arlt zur Analyse der Grunderfordernisse des menschlichen Gedeihens, die in Armutslagen of- fenbar unzureichend befriedigt werden („Gedei- hensmängel“). Auf diesen Überlegungen aufbau- end, entwickelte sie in ihrem Spätwerk eine ausdifferenzierte Bedürfnistheorie, „um die Gege- benheiten der Armut und die des Helfens zu erfor schen“ (Arlt 1958, 60 f.). Silvia Staub-Bernasconi (2007, 46 ff.) würdigt Arlt als „Bedürfnistheoreti- kerin der ersten Stunde“, die „frühzeitig ökologi- sche und auch implizit systemische Zusammen- hänge“ thematisiert hat und sie attestiert ihr in gewisser Weise „eine Vorwegnahme heutiger öf- fentlicher Diskussionen um […] ökonomische Ex- pansion und Sozialverträglichkeit der Wirtschaft […]“. Darüber hinaus kann Maria Maiss (2009, 71f.) entsprechende Überschneidungenmit „Grund eigenschaften“, „elementaren Fähigkeiten“ bzw. mit der „Funktionsfähigkeit“ des Capability-An- satzes herausarbeiten, wie er von Amartya Sen und Martha Nussbaum – allerdings mit mehr Nach- druck auf „Offenheit“ und „Aktivität“ – entwickelt worden ist. Für den sozialpolitischen und sozialadministrativen Bereich galt Julius Tandler (1869–1936), Amtsfüh- render Stadtrat in Wien 1920–1933, trotz seiner Sympathie für das eugenische Paradigma der sozia- listischen Bevölkerungstheoretiker (Kappeler 2000, 238) als der maßgebliche Förderer der angesproche- nen Ideen und Konzepte, obwohl die von ihm aus- gehende Forcierung der „Hilfsfürsorgerinnen“ die standes- und professionspolitische Entwicklung der Sozialarbeiter(innen) in Österreich bis in die 1950er Jahre beeinträchtigt hat. Bezüglich des schulisch-er- zieherischen Rahmens ist Otto Glöckel (1874– 1935), Präsident des Wiener Stadtschulrats 1922– 1934, als Förderer zu nennen. Berufsverbot, Flucht und Vertreibung der maßgeb- lichen Exponent(inn)en – vereinzelt ab 1934, end- gültig ab 1938 – hinterließen eine Leerstelle. Die nationalsozialistische Ära führte schließlich u. a. zur Tragödie „Am Spiegelgrund“. Dort wurden ab 1942 bis Kriegsende ca. 700 Kinder ermordet (Berger 2007). Aktuelle Handlungsfelder und ihre gesetzlichen Grundlagen Der Neubeginn nach 1945 verläuft unspektakulär und ist geprägt vom Wiederaufbau der Strukturen für die alltägliche Arbeit. Eine Aufbruchstimmung wie zu Beginn der Ersten Republik ist nicht er- kennbar. Jugendwohlfahrt (JW) In der Jugendwohlfahrt finden sich im Gefolge der 1968er Bewegung erste Reformbemühungen – v. a. in der Heimerziehung (Spartakusbewegung). Ent- sprechende Bestrebungen mit der schrittweisen Umstrukturierung zu Kleinheimen, Wohngemein- schaften und mobil betreutem Wohnen regten ab den 1970er Jahren, gepaart mit einer Aufwertung der Ausbildung (s. o.), den inhaltlichen Diskurs in Sozialpädagogik und Sozialarbeit an (Wurzwallner 1984; Lauermann 2001; Knapp / Scheipl 2001). Als durchkomponiertes Reformprojekt lässt sich „Heim 2000“ inWien 1995–2003 anführen (MAG ELF 2004). Während der letzten Jahre (2006– 2008) schließlich sind in Österreich ca. 10.000 Minderjährige (MJ) (= 0,60%) stationär fremd untergebracht (Heime, Wohngemeinschaften, mo- biles Wohnen, Pflegeeltern). Maßnahmen zur „Un- terstützung der Erziehung“ (Beratungsleistungen,
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