Handbuch 5. Auflage

1466 Roth  wurde dieser Protestzyklus durch die Bürgerrechts- bewegung ausgelöst; in der Bundesrepublik, aber auch in anderen Ländern spielte die Außerpar- lamentarische Opposition der 1960er Jahre diese Rolle. Ob dieser Zyklus in den 1980er und 1990er Jahren zu einem Ende gekommen ist, oder wir – bei hohem Protestniveau – lediglich eine Veralltägli- chung von Bewegungspolitik erlebt haben, ist Ge- genstand kontroverser Einschätzungen. Unstrittig ist jedoch, dass vormals als unkonventionell be- trachtete Formen politischen Handelns, wie z. B. die Beteiligung an Straßendemonstrationen, in- zwischen zum normalen Handlungsrepertoire grö- ßerer Bevölkerungsgruppen gehören. Ein sich wandelnder und von verschiedenen Strömungen bevölkerter „Bewegungssektor“ steht in Koope- rations- und Konkurrenzbeziehungen zu den ande- ren Formen politischer Einflussnahme. Er wirkt meist indirekt über das Medium der politischen Öffentlichkeit – gelegentlich durch Parteienkon- kurrenz verstärkt – auf politische Willensbildungs- und Entscheidungsprozesse ein. National spezi- fische „politischeGelegenheitsstrukturen“ (political opportunity structures), zu denen u. a. die politi- sche Färbung der Regierungen, die Offenheit von Teilen der politischen Elite für Bewegungsforde- rungen, der Grad an Repression, die Durchlässig- keit der politischen Institutionen für Protestthe- men und (z. B. zentralstaatliche oder föderale) Verfassungsstrukturen gehören, begünstigen die Erfolge sozialer Bewegungen oder schließen sie nahezu aus. Diese politischen Gelegenheitsstruktu- ren unterliegen freilich selbst Konjunkturen, ebenso wie die Bewegungen, die sie zu ihren Guns- ten zu verändern trachten. Protestzyklen können so zu allgemeinen gesellschaftlichen Reformphasen beitragen, die häufig durch Phasen der Repression oder Restauration abgelöst werden. Was für die na- tionalstaatliche Politik gesagt wurde, erfordert wei- tere regionale und lokale Differenzierungen, da auf diesen Ebenen – je nach politischer Verfassung – ein erheblicher Teil von Bewegungsenergien investiert wird. Zudem gewinnen transnationale Mobilisie- rungen im Zuge beschleunigter Globalisierungs- prozesse an Bedeutung. Neben dieser politischen Dynamik – und meist weniger sichtbar als diese – entfalten soziale Bewe- gungen eine soziokulturelle Praxis. Diese prägt ihre Proteste (z. B. durch Symbole, Kleidung, Ver- haltensweisen) und bringt eigene Vergemeinschaf- tungen, Milieus und Einrichtungen hervor, die häufig als Alternativbewegung beschrieben wer- den. Soziale Bewegungen fordern die soziokultu- rellen Normen und Lebensweisen der Mehrheits- gesellschaft heraus und versuchen, alternative Orientierungen auch praktisch zu leben. Sie pro- duzieren „challenging codes“ im Sinne Meluccis (1996). Selbstveränderung, „Politik der Lebens- stile“, „personal politics“ und die Suche nach (kol- lektiver) Identität bezeichnen Orientierungen so- zialer Bewegungen, die daran erinnern, dass sie in der Regel mehr zu bieten haben als nur eine „Poli- tik mit anderen Mitteln“. Sie stellen zumeist nicht nur Forderungen an staatliche Politik, sondern versuchen ihre Bewegungsziele durch eine vorweg- nehmende eigene Praxis zum Ausdruck zu bringen. Alternative Zuschreibungen von „Machtorientie- rung“ einerseits und „Kulturorientierung“ ande- rerseits (Raschke 1985) betonen jeweils spezifische Aspekte einzelner sozialer Bewegungen. In zeit- geschichtlicher Perspektive werden „neue soziale Bewegungen“ häufig als überwiegend kulturorien- tiert beschrieben, während klassische soziale Bewe- gungen – wie die Arbeiterbewegung – eher als am Machterwerb orientiert gelten. Vermutlich weisen soziale Bewegungen jedoch immer beide Pole auf, wenn auch mit unterschiedlichen Gewichtungen. So haben sich wichtige Strömungen der Arbeiter- bewegung selbst als Kulturbewegungen verstan- den, die nicht nur durch eigene Parteien und Ge- werkschaften Macht ausüben, sondern auch durch eine alternative Solidarkultur z. B. mit eigenen Genossenschaften, Bildungs- und Sportvereinen die bürgerliche Gesellschaft überwinden wollte (Lidtke 1985). In eine ähnliche Richtung weist auch die Unterscheidung von „instrumentellen“, „subkulturellen“ und „gegenkulturellen“ Bewe- gungen, die für die Analyse von Einzelbewegungen in den neuen sozialen Bewegungen fruchtbar ge- macht wurde (Kriesi et al. 1995). Kulturelle und politische Energien richten sich zunehmend auch direkt an wirtschaftliche Akteure, sei es als ethisch motivierter Boykott bestimmter Waren und Dienstleistungen oder als Kampagne gegen Kon- zerne, die in krasser Weise Sozial- und Umwelt­ standards verletzen. Diese doppelte Perspektive ist wichtig, wenn es darum geht, die Ursachen, Verlaufsformen und Wirkungen bzw. Erfolge sozialer Bewegungen aus- zuloten. Während die machtorientierte Perspektive

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