Handbuch 5. Auflage

Soziale Bewegungen 1467 vor allem benachteiligte Interessen und soziale Un- gerechtigkeiten als Ursachen für soziale Bewegun- gen ins Spiel bringt, betont die identitätsorientierte Richtung eher dominante kulturelle Normen, wie z. B. Geschlechtsrollen, Leistungsorientierungen oder soziale Naturverhältnisse, die als repressive Zumutung erfahren werden und die Suche nach Alternativen auslösen. Wenn soziale Bewegungen vor allem als eine andere politische Form betrachtet werden, interessiert wesentlich, wie es ihnen gelingt immer erneut und möglichst mit wachsender Re- sonanz öffentlich sichtbar zu bleiben, d. h. gefragt wird nach der Dynamik von Protestereignissen und deren Rückwirkungen auf die anderen politi- schen Akteure. Wird die kulturelle Herausforde- rung betont, interessieren die darunter liegenden Milieus, Netzwerke und Subkulturen, in denen soziale Bewegungen ihren Eigensinn behaupten, die Mehrheitskultur verändern oder von ihr assimi- liert werden. Ähnlich verhält es sich mit den Zielen sozialer Bewegungen. Lassen sie sich in konkrete Forderungen übersetzen (Abschaffung des §218, „Kein Atomkraftwerk in…“, Besteuerung von transnationalen Finanztransaktionen etc.), ist der Erfolg leichter messbar. Meist sind Bewegungsziele jedoch weit gesteckt und liegen auf mehreren Ebe- nen (z. B. „kinderfreundliche“ Gesellschaft, „nach- haltige“ Produktions- und Lebensweisen, Zivilisie- rung von Globalisierungsprozessen, globale Gerechtigkeit). Zu ihnen gehören immer Orientie- rungen und Werthaltungen (z. B. postmaterialisti- sche oder ökologische Orientierungen), die sich auch dann ausbreiten können, wenn die konkreten Bewegungsziele verfehlt werden (und umgekehrt). Soziale Bewegungen bringen nicht nur konkrete Einzelforderungen („single issues“) zur Sprache, sondern entwickeln eigene Deutungsrahmen („frames“), mit denen sie nicht nur ihre Identität als Bewegung markieren, sondern auch Weltsich- ten und Wertschätzungen transportieren, die ihre Forderungen öffentlich nachvollziehbar machen und legitimieren sollen. Die öffentliche Auseinan- dersetzung um konkurrierende Deutungsmuster („framing“-Prozess) ist Teil der kulturellen Praxis sozialer Bewegungen. Erfolge in der Durchsetzung konkreter Einzelziele müssen nicht notwendig zu größerer Akzeptanz von Bewegungsdeutungen führen. Umgekehrt sehen sich soziale Bewegungen zuweilen in der Situation, dass ihre Deutungsmus- ter (z. B. ökologische Orientierungen) weithin ak- zeptiert werden, ohne dass sie entsprechende Er- folge in konkreten Politikfeldern (etwa in der Nutzung alternativer Energien und in der Begren- zung des Ressourcenverbrauchs) erzielen. Neue soziale Bewegungen In jüngerer Zeit hat sich das allgemeine Interesse an sozialen Bewegungen vor allem auf die neuen sozia- len Bewegungen konzentriert. Dieser Begriff hat sich als Sammelname für einen bestimmten Aus- schnitt zeitgenössischer sozialer Bewegungen in den 1980er Jahren in Westeuropa sowohl wissenschaft- lich als auch in der politischen Öffentlichkeit ein- gebürgert, wird aber inzwischen weltweit gebraucht. Auch wenn der Umfang der eingeschlossenen Ein- zelbewegungen nicht fest umrissen und für neue Protestthemen offen ist, gehören zumindest die neue Frauenbewegung, die Ökologie- und die neue Friedensbewegung zum definitorischen Kernbe- stand. Häufig werden auch die neue Schwulenbe- wegung, Solidaritätsbewegungen, Hausbesetzun- gen, neuere Studentenbewegungen, lokale Alternativprojekte, Selbsthilfegruppen u. a.M. hin­ zugezählt. Die Gemeinsamkeiten dieser vielfältigen Bewegungen werden auf fünf verschiedenen Ebe- nen angesiedelt: Zeitgeschichtlich trägt der Begriff dem Umstand 1. Rechnung, dass seit mehr als zwanzig Jahren ein Nebeneinander verschiedener thematischer Strö- mungen zu beobachten ist, die sich eher weiter ausdifferenzieren als sich – wie noch zu Beginn der 1980er Jahre u.a. von Touraine (1984) erwartet worden war – zu einer gemeinsamen Bewegung zu verdichten. Neue soziale Bewegungen können seit Ende der 1990er Jahre kaum mehr als Vorfor- men einer künftigen, zusammenfassenden Bewe- gung betrachtet werden. Für das Konzept neue so- ziale Bewegungen spricht auch die inzwischen zu konstatierende Beständigkeit und Verbreitung sei- ner Einzelbewegungen in allen hochentwickelten westlichen Ländern, aber auch in Ansätzen in den Ländern des früheren Ostblocks und in der Peri- pherie des globalen Systems. Besonders die Öko- logie-, Friedens- und Frauenbewegungen sind zu weltweit präsenten Akteuren geworden. Ihre Mo- tive sind auch in der jüngsten Welle von globalisie- rungskritischen Protesten unübersehbar. Klima-

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