Handbuch 5. Auflage
1468 Roth wandel und Treibhausgase, Artenvielfalt und globale öffentliche Güter sind einige der Stich- worte, die für eine Aufwertung ihrer Themen durch transnationale Mobilisierungen sprechen. Es han- delt sich bei den neuen sozialen Bewegungen also nicht, wie noch gelegentlich in den 1970er Jahren vermutet wurde, um vorübergehende, prosperi- tätsgestützte Modekonjunkturen in einigen rei- chen Ländern. An Plausibilität haben dagegen jene Interpretationen gewonnen, die davon ausgehen, dass trotz all der immer gegebenen Bewegungs- und Protestvielfalt bestimmte Entwicklungsphasen kapitalistischer Vergesellschaftung jeweils von ei- nem bestimmten Bewegungstyp dominiert wer- den. Neue soziale Bewegungen haben danach das Erbe der bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts prägenden frühbürgerlichen Bewegungen und den bis zum Faschismus dominierenden Arbeiterbewe- gungen angetreten (Raschke 1985; Rucht 1994). Die sozialstrukturelle Verankerung ihrer Träger- 2. gruppen ist zwar breit gestreut und erstreckt sich gelegentlich, z.B. bei regionalen Protesten gegen Atomanlagen, auf nahezu alle Bevölkerungsschich- ten, aber es lässt sich bei den dauerhaft Aktiven der neuen sozialen Bewegungen in den westlichen Demokratien deutlich ein Schwerpunkt im Bereich der neuen Mittelklassen, vor allem bei Auszubil- denden und Professionellen der Humandienstleis- tungsberufe ausmachen. Sie verfügen in der Regel über mehr kulturelles und soziales Kapital als über privilegierte ökonomische Einkünfte. Ihre Protest- praxis ist – vor allem in urbanen Räumen – einge- bunden in gemeinsame Netzwerke, denen entspre- chende Milieubildungen zugrunde liegen. In diesem Personenkreis finden sich besonders viele Menschen, die für die gesamte Themenpalette der neuen sozialen Bewegungen mobilisierbar sind und ihre konkreten Aktionsschwerpunkte häufiger wechseln. Ein ähnliches Muster finden wir bei den in den 3. neuen sozialen Bewegungen anzutreffenden poli- tischen Orientierungen. So gibt es in allen Einzel- bewegungen durchaus konservative und reaktio- näre Traditionslinien bzw. Gruppierungen, was z.B. mit Blick auf die Geschichte ökologischer Orientie- rungen in Deutschland wenig verwunderlich ist. Gleichwohl dominiert bei den AnhängerInnen der neuen sozialen Bewegungen deutlich ein links-li- bertäres Selbstverständnis, d.h. die Selbsteinstu- fung auf der linken Seite des politischen Spektrums wird durch eine Präferenz staatsferner und selbst- organisierter Politikansätze ergänzt. In der politik- wissenschaftlichen Diskussion haben die Ausbrei- tung dieser Orientierungen und die Erfolge grün-alternativer Parteien die Annahme bestärkt, mit den neuen sozialen Bewegungen sei eine neue – quer zur traditionellen Rechts / Links- Achse – verlaufende gesellschaftliche Spaltungs- linie („cleavage“) entstanden, deren Gegenpol von einer neuen Rechten gebildet wird. Parallel ar- gumentiert die von Inglehart (1989) zuerst ent- wickelte These vomWertewandel, die in den neuen sozialen Bewegungen eine Avantgarde bei der Zu- rückdrängung materialistischer (an Sicherheit und materiellen Wohlstand orientierter) zugunsten postmaterialistischer (an Partizipation und Selbst- verwirklichung orientierter) Werte sieht. Dennoch ist zu betonen, dass in den neuen sozialen Bewe- gungen keine einheitliche und geschlossene Ideo- logie anzutreffen ist. Besonders deutlich fällt der Kontrast zur „alten“ 4. sozialen Bewegung, der Arbeiterbewegung, in der Dimension der bevorzugten Organisationsformen aus. Auch mehrere Dekaden nach ihrem ersten Auftauchen gibt es weder bei den Einzelbewe- gungen noch übergreifend einen Trend in Rich- tung bürokratischer Großorganisation mit klar umrissenen Mitgliedschaften. Zwar haben auch die neuen sozialen Bewegungen eine organisato- rische Infrastruktur mit nahe stehenden Parteien und Verbänden, aber deren repräsentatives Ge- wicht ist vergleichsweise gering geblieben. Es do- minieren eher vereinsförmige Bürgerinitiativen und Selbstverwaltungsprojekte, sowie lokale Zu- sammenschlüsse und lose Netzwerke auf nationa- ler und internationaler Ebene – eine Organisati- onsentwicklung in Richtung Bürokratie und Massenorganisation zeichnet sich jedenfalls nicht ab. Eine vergleichsweise große Sensibilität für das „Politikum der Form“ (Narr 1980) führte – beson- ders in der neuen Frauenbewegung – immer wie- der zu organisatorischen Kurskorrekturen in die Gegenrichtung. Nach wie vor trifft für die neuen sozialen Bewegungen überwiegend die Charakte- risierung zu: ein geringer Grad organisatorischer Verfestigung, Bürokratisierung und Zentralisie- rung in Verbindung mit Führerfeindlichkeit (Raschke 1985). Ihre Institutionalisierung vollzieht sich stattdessen eher entlang einer professionel- len Orientierung, sei es in den eigenen Projekten
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