Handbuch 5. Auflage

Soziale Bewegungen 1469 (Roth 1994; Rucht et al. 1997) oder in einem be- wegungsnahen institutionellen Umfeld (z.B. in ökologischen Forschungsinstituten, kommunalen Frauenbüros). Mit Blick auf das Aktionsrepertoire betont die his- 5. torische Protestforschung, dass die neuen sozialen Bewegungen keine eigenen „Erfindungen“ bei- gesteuert hätten, von der Besetzung von Räumen und Einrichtungen einmal abgesehen (Tilly 2004). Ob die sit-ins, go-ins und teach-ins der US-Bürger- rechtsbewegung und der studentischen Protestbe- wegungen wirklich neu waren oder lediglich Varia- tionen direkter Aktion und zivilen Ungehorsams, mag hier offen bleiben. Auffällig ist das breite Spektrum der genutzten Aktionsformen mit einer deutlichen Betonung von gewaltfreien, demons- trativen und symbolischen Praktiken, die in pro- jektspezifischen Mobilisierungen entlang wech- selnder Themen entfaltet werden. Weitgehend unstrittig sind drei politische Ent- wicklungstendenzen, die auch den Gegenstands- bereich soziale Bewegungen grundlegend berüh- ren. Zum ersten lässt sich gesellschaftlich eine breite Anerkennung ihrer Themen und Mobilisie- rungsformen beobachten, die zu entsprechenden Öffnungen in Parteien und Verbänden, aber auch zu institutionellen Ergänzungen des politischen Gefüges vor allem auf kommunaler Ebene geführt haben (Frauenbüros, Umweltdezernate, Selbst- hilfeförderung etc.). Mit schwindender Front- stellung und der Ausweitung eines intermediären Bereichs zwischen Bewegungen und den klassi- schen Institutionen des politischen Systems – bis hin zur gestiegenen Rolle der entsprechenden Nicht-Regierungs-Organisationen (NGOs) in der internationalen Politik – drohen die Konturen der Bewegungen selbst zu verschwimmen. Die kommerzielle Nutzung ihrer Themen und Motive trägt zusätzlich dazu bei. Da Protestmobilisierun- gen insgesamt aber keineswegs rückläufig sind und das politische Engagement in Gruppen der neuen sozialen Bewegungen weiterhin attraktiv ist, lässt sich dieser Trend wohl am besten als Form der Institutionalisierung der neuen sozialen Bewegungen als Bewegungen deuten – allerdings mit begrenztem Einfluss auf das übrige politische Geschehen und seine institutionelle Verfassung. In dieses Bild der marginalen Institutionalisierung passt auch ein zweiter Trend. Während die Domi- nanz ihrer Mobilisierungen auf der Tagesordnung des politischen Protests noch vor einem Jahrzehnt unstrittig war, gewinnen seit den 1990er Jahren rechtsradikale Mobilisierungen, aber auch pro- gressive Proteste entlang sozialer Themen (Arbeits- losigkeit, Armut etc.) an Gewicht. Im Falle der fremdenfeindlichen Gewaltexzesse und Aufmär- sche waren die Gegenmobilisierungen aus den Milieus der neuen sozialen Bewegungen stets deut- lich umfangreicher. Aber die rechtsextreme Szene hat sich in der Bundesrepublik in den letzten bei- den Jahrzehnten als Bewegungsmilieu etablieren können und trägt regelmäßig zum Protestgesche- hen bei. Im Unterschied zu den historischen fa- schistischen Bewegungen (Kappeler 2000) scheint der Einfluss auf die professionelle Sozialarbeit bis- lang allerdings gering. Auch wenn es mit Blick auf deutsche Verhältnisse sicherlich unangemessen wäre, von „poor people´s movements“ (Piven /Clo- ward 1977) zu sprechen, kam es anlässlich der Umsetzung neuer Sozialgesetze („Hartz IV“) im Herbst 2004 zu den massivsten Sozialprotesten in der Geschichte der Bundesrepublik. Ob den Ak- teuren der neuen sozialen Bewegungen die Brücke bei solch „klassischen“ sozialen Fragen wie Ob- dachlosigkeit, Armut und Arbeitslosigkeit gelingt, wie dies mit dem Vorbild des Weltsozialforums (zuerst 2001 in Porto Alegre) in regionalen, natio- nalen und lokalen Sozialforen angestrebt wird, und wie sich dabei die neuen sozialen Bewegungen und ihre Milieus verändern, ist eine der Zukunftsfragen an diesen offenen und wandlungsfähigen Bewe- gungstyp. Drittens schaffen ökonomisch vorangetriebene, kulturelle und soziale Globalisierungsprozesse neue politische Rahmenbedingungen für soziale Bewe- gungen. Die Konsequenzen sind jedoch keineswegs eindeutig. Die düstere Vermutung, soziale Bewe- gungen könnten einen ähnlichen Bedeutungsver- lust erleiden wie andere nationalstaatlich orientierte Formen der Politik, wird noch durch die Diagnose verstärkt, dass die Themen der neuen sozialen Be- wegungen durch die vorherrschende politische Orientierung an internationaler ökonomischer Wettbewerbsfähigkeit entwertet werden. Hoff- nungsvollere Perspektiven für die Zukunft sozialer Bewegungen ergeben sich aus der Beobachtung, dass besonders im Kontext der neuen sozialen Be- wegungen ein schnelles Wachstum von internatio- nal agierenden Gruppen und Organisationen zu

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