Handbuch 5. Auflage
1470 Roth beobachten ist, die nicht nur Gipfelkonferenzen und Regierungstreffen beleben, sondern auch – wie z. B. Greenpeace, attac und viele andere – trans- national protestfähig sind (Boli /Thomas 1999; Brunnengräber et al. 2005). Zudem sei die Orien- tierung vieler sozialer Bewegungen an lokalen Identitäten eine wichtige, zunehmend bedeuten- dere Quelle der Kritik und politischen Regulierung von Globalisierungsprozessen (Castells 1997). Der Prozess der Veralltäglichung und Normalisie- rung bewegter Politik ist auch in den letzten Jahren vorangeschritten, wobei sich die Konturen zwi- schen alten und neuen Themen zunehmend ver- wischen. Dies gilt auch für deren Milieugrenzen. Dennoch kann auch eine Repolitisierung sozialer Bewegungen beobachtet werden, weil sie vor allem auf Mängel im System der politischen Repräsenta- tion hinweisen und eine neue Runde der Demo- kratisierungen liberaler Demokratien einfordern (Roth / Rucht 2008). Unter dem Eindruck globaler ökonomischer und ökologischer Krisen gilt dies in besonderem Maße für die Ebene der transnationa- len Politik. Soziale Bewegungen, soziale Probleme und Sozialpolitik Trotz aller thematischen Vielfalt besteht eine be- sondere Nähe zwischen sozialen Bewegungen, so- zialen Berufen und Sozialpolitik (Nowak 1988; Wagner 2009). Sie geht zurück auf eine Phase, in der soziale Probleme und soziale Bewegungen noch in der Einzahl verhandelt wurden. Die Arbeiterbe- wegungen des 19. Jahrhunderts konnten als „die“ soziale Bewegung betrachtet werden, die „die“ so- ziale Frage (im zeitgenössischen englischen Sprach- raum als „social problem“ – ebenfalls in der Ein- zahl – übersetzt) in immer neuen Variationen auf die Tagesordnung setzen: Fairness und soziale Ge- rechtigkeit im Verhältnis von Kapital und Arbeit bzw. die Überwindung des Systems der Lohnarbeit. Die vielfältigen sozialen Probleme – von den „ar- beitenden Armen“ bis zur Kinderarbeit, von der hohen Säuglingssterblichkeit bis zu den hygie- nischen Zuständen in den schnell wachsenden In- dustrieansiedlungen – konnten mit einiger Berech- tigung als zeitgenössische Erscheinungsformen einer grundlegenden sozialen Frage betrachtet wer- den (Pankoke 1970; Schwartz 1997). Indem Ar- beiterbewegungen und andere Mobilisierungen in ihrem Umfeld „die“ soziale Frage immer wieder in demonstrativen Formen und Konflikten auf die Tagesordnung setzten, hatten sie erheblichen An- teil an der Herausbildung moderner Sozialstaaten und der Gestaltung ihrer spezifischen institutionel- len Regelungen. Dies bedeutet weder, soziale Be- wegungen allein oder auch nur vorrangig für die Ausgestaltung sozialer Sicherungssysteme zu rekla- mieren, noch dass die einmal etablierten Regelun- gen im Sinne dieser Bewegungen ausgefallen wä- ren. Für den meist indirekten Einfluss sozialer Bewegungen mit von ihnen nicht-intendierten Folgen bietet die mit dem Namen Bismarck ver- bundene Sozialgesetzgebung in Deutschland An- schauungsmaterial. Die zunächst im Umfang sehr begrenzten sozialen Sicherungen waren eingeführt worden, um die Sozialdemokratie politisch ein- zudämmen. Als staatliche Zwangsversicherung drängte sie paternalistisch den Einfluss der Bewe- gungsakteure auf deren Ausgestaltung zurück. Mit Blick auf die weiter gesteckten Bewegungsziele war das staatliche „Angebot“, Sozialversicherung statt Sozialismus, durchaus kein Bewegungserfolg. Dies gilt noch mehr für die in der frühen Arbeiterbewe- gung entwickelten Solidareinrichtungen. Mit der staatlichen Zwangsversicherung wurde den be- trieblichen und berufsspezifischen Solidarkassen in der alleinigen Regie der Arbeitenden das Wasser abgegraben: Versicherung statt Solidarität (Roden- stein 1978). Dieser Hinweis auf die deutsche Ent- wicklung macht deutlich, dass sich aus der Per- spektive sozialer Bewegungen die Herausbildung staatlicher Sozialpolitik – auch über die Bismarck- sche Sozialpolitik hinaus – sowohl als begrenzter Erfolg wie auch als erfolgreiche Gegenmobilisie- rung deuten lässt. Dieses ambivalente Grundmuster lässt sich auch in der weiteren Entwicklungsdynamik zwischen sozialen Bewegungen, sozialen Problemen und staatlicher Sozialpolitik wiederfinden. Kennzeich- nend ist jedoch spätestens seit dem beginnenden 20. Jahrhundert der Plural sowohl der sozialen Bewegungen wie der sozialen Probleme. Darin drückt sich einmal das schwindende Vertrauen aus, von einem Punkt aus (der „Systemfrage“) alle Formen sozialer Desintegration bearbeiten zu können. Zum anderen sind sie Ergebnis der Spe- zialisierungseffekte aus dem Zusammenspiel der Institutionalisierung staatlicher Sozialpolitik, der
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