Handbuch 5. Auflage

Soziale Kontrolle 1477 Diese Maßnahmen sind demnach meistens sozial organisiert und strukturiert, sie werden planvoll angewendet und gezielt eingesetzt. Ansetzen kön- nen sie – genau wie auch die unmittelbaren Strate- gien sozialer Kontrolle – präventiv oder reaktiv bezogen auf die zeitliche Relation zur (potenziel- len) Abweichung. Soziale Kontrolle kann demnach der Devianz vorausgehen oder ihr folgen (Peters 2009, 142). Auch im zweiten Fall verfolgt sie dabei jedoch eine präventive Zielsetzung, indem sie zu- künftig abweichendes Verhalten verhindern und Konformität initiieren will. Deutlich wird an dieser Stelle die enge begriffliche Verknüpfung zwischen Prävention und sozialer Kontrolle, in dem Sinne, dass Soziale Kontrolle immer (auch) Prävention in- tendiert. Zusammenfassend lässt sich vor dem Hintergrund zahlreicher – zum Teil widersprüchlicher – Be- griffsbestimmungen sozialer Kontrolle von mittel- baren und unmittelbaren Strategien undTechniken der Herstellung von Konformität gegenüber an- erkannten zentralen und grundlegenden Werten und Normen sprechen, die im Vorfeld oder im Nachgang von vermuteter oder aufgetretener Devi- anz auf deren zukünftige Verhinderung zielen. Sie sichern dadurch den Status Quo bzw. das Funk- tionieren einer Gesellschaft und basieren gleich- zeitig auf einem (demokratisch) ausgehandelten oder machtvoll durchgesetzten Wertekanon. Ak- teure dabei sind Einzelpersonen und Gruppen, wobei sich ein Machtgefälle zwischen der kontrol- lierenden und der zu kontrollierenden Instanz als konstitutiv erweist. Politisch in Dienst genommen dient soziale Kontrolle dabei der Legitimation und Sicherung von Herrschaft. Dimensionen der aktuellen Diskurse zur sozialen Kontrolle Derzeit lassen sich in den disziplinären Diskursen der Soziologie und der Sozialen Arbeit, in den pro- fessionsbezogenen Debatten und insbesondere in den (sozial-)politischen Thematisierungen von So- zialer Kontrolle Tendenzen und Entwicklungen ablesen, die als Indikatoren eines veränderten oder sich wandelnden Gehalts des Themas zu begreifen sind: Erstens lassen sich auf der Akteursebene Ver- schiebungen skizzieren, wenn gegenwärtig weniger die direkte kontrollierende Einflussnahme hoheits- staatlicher Instanzen und Institutionen auf das (po- tenziell) abweichende Individuummittels der dafür vorgesehenen Instanzen thematisiert wird und statt dessen eine Verlagerung der sozialen Kontrolle auf die lokale bzw. private und privatwirtschaftliche Ebene zu beobachten ist, bei der kontrollierende Maßnahmen durch lokale Gemeinschaften in den Vordergrund treten. Als Entwicklung lässt sich zweitens eine Verlagerung der Kontrolle ‚von außen nach innen‘ beschreiben. Im Fokus stehen damit weniger disziplinierende oder sanktionierende In- terventionen gegen das Individuum und mehr die Prozesse der Gewissensbildung, initiiert durch die Setzung moralischer Imperative, die dann zu einer Selbstkontrolle durch das Individuum führen (sol- len). Die dritte Tendenz stellt die Vorverlagerung sozialer Kontrolle dar. Ist in den Definitionen noch die Rede von präventiver oder reaktiver sozialer Kontrolle (in Relation zum Zeitpunkt der Abwei- chung), so zeichnet sich jetzt eine Schwerpunktset- zung hin zur Risikoerfassung ab. Es geht dabei weniger darum, konkrete Abweichungen zu sank- tionieren, sondern mittels einer fundierten Risiko- einschätzung bestimmte Zielgruppen in den Blick zu nehmen und diese kontrollierend zu verwalten. Da sich Risiken offenbar am effektivsten auf einer individuellen Ebene verorten und identifizieren lassen, geht die Tendenz hin zur Risikoerfassung einher mit einer Individualisierung von Abwei- chung und dementsprechend auch von sozialer Kontrolle. Privatisierung und Lokalisierung sozialer Kontrolle Soziale Kontrolle dient dem Erhalt oder der Wie- derherstellung der Funktionstüchtigkeit von Ge- sellschaft, sie geschieht somit im Idealfall im Inte- resse der gesamten Gesellschaft. Dennoch sind es traditionell in erster Linie staatliche Instanzen, die die Aufgaben der Kontrolle und Überwachung wahrnehmen. An erster Stelle ist die Exekutive zu benennen, die auf der Basis der entsprechenden rechtlichen Grundlagen für die Einhaltung der geltenden Normen und Werte eintritt. Diese Zu- ständigkeit scheint sich aktuell zu verschieben oder zumindest zu verändern: Private Unternehmen übernehmen vermehrt Aufgaben der sozialen Kon- trolle und der Verhinderung von Abweichung.

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