Handbuch 5. Auflage

148 Metzler  sicht bei der Ausübung alters- und / oder ge- schlechterspezifischer Rollen angesprochen. Trotz des mehrdimensionalen Ansatzes der ICIDH geriet insbesondere das lineare Konzept zuneh- mend in Kritik: Eine Schädigung führt zu einer Leistungseinbuße, und diese ist Ursache für eine mangelnde Anpassung eines Individuums an seine Umgebung bzw. die in ihr wirksamen Handlungs- und Rollenerwartungen. Eine Weiterentwicklung des Konzepts führte zu- nächst 1994 zur ICIDH – 2; diese wurde nach ver- schiedenen Erprobungsphasen schließlich 2001 von der Vollversammlung der WHO als Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF: International Classification of Functioning, Disability, and Health) verabschie- det. Seit 2005 liegt eine deutschsprachige Überset- zung dieser Klassifikation vor (DIMDI 2005). Die ICF differenziert nach verschiedenen Kom- ponenten: den Körperfunktionen und -strukturen, den Aktivitäten und der Teilhabe sowie den sog. Kontextfaktoren. Körperfunktionen und -struktu- ren können durch Schädigungen z. B. infolge chro- nischer Erkrankungen, Unfällen, genetischer Ab- weichungen etc. beeinträchtigt sein, der Begriff der Aktivitäten umfasst die (beobachtbare) Leistung oder die (unter Testbedingungen gemessene) Leis- tungsfähigkeit eines Menschen in verschiedenen Lebensbereichen und Alltagsaktivitäten, das Kon- zept der Teilhabe bildet das Einbezogensein in die – identisch mit den Aktivitäten formulier- ten – Bereiche ab. Kontextfaktoren beinhalten zum einen die soziale, materielle, rechtliche und öko- logische Umwelt eines Menschen, zum anderen sog. personenbezogene Aspekte wie Geschlecht, Alter, ethnische Zugehörigkeit, Persönlichkeits- merkmale etc. Entworfen wird damit ein multi- dimensionales Konzept, das die vielfältigen Wir- kungen und Zusammenhänge zwischen Person und Umwelt abzubilden sucht. Das zentrale Konzept der ICF bildet das der „Ak- tivitäten und Teilhabe“; Teilhabe wird verstanden als das Einbezogensein einer Person in eine Lebens- situation oder einen Lebensbereich wie z. B. persönliche Selbstversorgung, ■ ■ Mobilität, ■ ■ Informationsaustausch, ■ ■ soziale Beziehungen, ■ ■ häusliches Leben und Hilfe für andere, ■ ■ Bildung und Austausch, ■ ■ Erwerbsarbeit und Beschäftigung, ■ ■ Wirtschaftsleben, ■ ■ Gemeinschaft, ■ ■ soziales und staatsbürgerliches Leben. ■ ■ „Das Konzept der Teilhabe ist mit Fragen nach dem Zugang zu Lebensbereichen sowie der Da- seinsentfaltung und dem selbstbestimmten und gleichberechtigten Leben verknüpft […] sowie mit Fragen der Zufriedenheit, der erlebten gesund- heitsbezogenen Lebensqualität und der erlebten Anerkennung und Wertschätzung in den Lebens- bereichen, die für die betrachtete Person wichtig sind“ (Schuntermann 2006, 6). Sehr viel weitgehender als die Vorgängerklassifika- tion wird in der ICF ein bio-psycho-soziales Mo- dell von Behinderung entworfen, das insbesondere auch den eher (sozial-)politischen Aspekt des Zu- gangs zu zentralen Lebensbereichen aufgreift; Ak- tivitäten und Teilhabe beinhalten – ohne diesen Bezug explizit zu benennen – zentral auch die sog. Wohlfahrtsindikatoren der OECD (Zugang zu Bildung, Arbeit, Gesundheitswesen etc.). Der Begriff der Behinderung selbst wird in der ICF nicht verwendet; vielmehr wird der Begriff der Funktionsfähigkeit („functioning“) eingeführt, der gewissermaßen das positive Gegenbild von Behin- derung beinhaltet: „Der Begriff der Funktionsfähigkeit eines Menschen um- fasst alle Aspekte der funktionalen Gesundheit. Eine Per- son ist funktional gesund, wenn – vor dem Hintergrund ihrer Kontextfaktoren – ihre körperlichen Funktionen (einschließlich des men- 1. talen Bereichs) und Körperstrukturen denen eines ge- sunden Menschen entsprechen (Konzepte der Kör- perfunktionen und -strukturen), sie all das tut oder tun kann, was von einem Men- 2. schen ohne Gesundheitsproblem (ICD) erwartet wird (Konzept der Aktivitäten), sie ihr Dasein in allen Lebensbereichen, die ihr wich- 3. tig sind, in der Weise und dem Umfang entfalten kann, wie es von einem Menschen ohne gesundheits- bedingte Beeinträchtigung der Körperfunktionen oder -strukturen oder der Aktivitäten erwartet wird (Konzept der Partizipation [Teilhabe] an Lebensberei- chen).“ (DIMDI 2005, 4)

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