Handbuch 5. Auflage

1482 Flösser · Wohlgemuth  der von ihnen gesetzten Normen zu kontrollieren. Familien, Eltern und Kinder haben den Kriterien der Normalität zu entsprechen. Augenfällig ist in Bezug auf diese Entwicklung der Diskurse zur sozialen Kontrolle – wie auch schon bei den beiden anderen skizzierten Trends – eine weitgehende Ausblendung sozialer und strukturel- ler Faktoren als mögliche Hintergründe für ab- weichendes Verhalten. Devianz wird gleichsam personalisiert, unabhängig davon, ob es um die Gefährdung des Wohls der eigenen Kinder oder kriminelle Handlungen anderer Art geht. Die De- batte „verdinglicht Kriminalität als Eigenschaft der Person und macht dieses defizitäre Verhalten zum Gegenstand von Interventionen“ (Bitt- scheidt-Peters 1998, 179). „Somit ergibt sich eine Differenzierung zwischen den ‚guten‘ angepassten, aktiven, selbstverantwortlichen Menschen und denen, die als ‚böse‘, weil in-aktiv, abweichend und unangepasst, stigmatisiert werden“ (Wohlge- muth 2009, 84). „Diese Differenz bietet die Chance, auf die Spaltung von Gesellschaft hinzu- arbeiten. Sie rechtfertigt es, soziale Teilnahme- chancen ungleich zu verteilen“ (Peters 1998, 17), so dass erneut soziale Ungleichheiten manifestiert bzw. chronifiziert werden – und zwar über einen „Ausschließungsdiskurs, der sich vor allem an der Differenz konform/ kriminell orientiert“ (Peters 1998, 19). Gleichzeitig werden strukturelle und soziale Faktoren der Benachteiligung, Ungleich- heit und Ausgrenzung weitgehend dethematisiert und ihre Bearbeitung aus dem Repertoire der möglichen Maßnahmen entfernt. Soziale Arbeit und soziale Kontrolle Der Kontrollauftrag Sozialer Arbeit ist nicht neu. Er ist es weder in der Kinder- und Jugendhilfe bzw. im Arbeitsfeld Kinderschutz noch in den anderen Arbeitsfeldern, in denen es Soziale Arbeit mit Menschen zu tun hat, die aus den unterschiedlichs- ten Gründen im Konflikt mit politischen und ge- sellschaftlichen Normalitätsvorstellungen stehen. Die Gleichzeitigkeit von Hilfe und Kontrolle als konstitutives Merkmal Sozialer Arbeit als Akteurin mit (sozial-)staatlichem Auftrag wurde oft genug beschrieben und als unauflösliche Paradoxie identi- fiziert. Dass sie eine Instanz sozialer Kontrolle ist, scheint daher weder thematisierungs- noch dis- kussionswürdig. Interessanter sind dagegen die Konsequenzen, die sich aus den drei skizzierten Verschiebungen innerhalb der Diskurse zur sozia- len Kontrolle für die Soziale Arbeit ergeben könn- ten. Deutlich wird zunächst, dass staatliche Kontroll- interessen, auch wenn sie auf die private Ebene ausgelagert werden, Instanzen für deren Umset- zung bedürfen. „Um Leistungen, deren Grund- lagen und Zielsetzungen nach wie vor staatlich de- finiert sind, zu erbringen, bedarf der aktivierende Sozialstaat ‚unterstützungskompetenter‘ Professio- nen wie der Sozialpädagogik“ (Dollinger 2006, 8). Kommt der Kontrolle beispielsweise im aktivieren- den Sozialstaat eine gewichtigere Rolle zu, so be- deutet dies auch einen Macht- und Bedeutungs- gewinn für die Soziale Arbeit. Es stellt sich jedoch die Frage, inwiefern es sich bei den aufgestellten Maximen wie der weitgehenden Responsibilisie- rung des Individuums, der Ausblendung sozialer und struktureller Rahmenbedingungen und der Segregation und Stigmatisierung von Bevölke- rungsgruppen um eine „Instrumentalisierung, Ver- zerrung oder Aufwertung sozialpädagogischer Tra- ditionsbestände durch Interessen sozialpolitischer Akteure“ (Dollinger 2006) handelt. Insbesondere der Anspruch auf soziale Gerechtigkeit und das Leitbild einer emanzipatorischen, selbstbestimm- ten Lebensgestaltung stehen im direkten Wider- spruch zu den „neuen“ Zielvorstellungen und Menschenbildern. „Der potentiellen Aufwertung der Sozialpädagogik im Aktivierungskontext steht somit die Gefahr gegenüber, dass ihr die sozialmoralische Basis entzogen wird, so- lange sie nicht in die konditionalen und machtungleichen Aktivierungslogiken einzumünden bereit ist und auf soli- darische sozialstaatliche Absicherungsgarantien Wert legt.“ (Dollinger 2006, 12) Auf einer eher handlungspraktischen oder konzep- tionellen Ebene lassen sich auch das angerissene Verständnis von Sozialräumen und lokalen Ge- meinschaften und die Tendenz zur Standardisie- rung sozialpädagogischen Handelns im Dienste des Risikomanagements kritisch hinterfragen: Die Aktivierung lokaler Gemeinschaften zum Zwecke der sozialräumlichen sozialen Kontrolle beinhaltet eine Stärkung derjenigen Akteure im Sozialraum,

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