Handbuch 5. Auflage
Soziale Netzwerke 1487 chen Netzwerke mit unterschiedlichen Fragestel- lungen und konzeptionellen Vorannahmen, wen- den sowohl quantitative wie qualitative Methoden an, beziehen sich auf unterschiedliche Kontexte (z. B. Therapie, soziale Unterstützung, Peer- und Cliquenzusammenhänge, Beziehungen in – auch erweiterten – Familienstrukturen u. a.). Als Strukturbegriff schließt ein soziales Netzwerk verschiedene Formen sozialer Beziehungen „so- wohl strukturell (Dyaden, Gruppen, Systeme) wie auch inhaltlich (Paarbeziehung, Freundschaftscli- quen, Mitglieder von Organisationen etc.) ein“ (Laireiter 2009, 80). Gerade dieser Blick auf das Gesamt der sozialen Beziehungen einer Person und nicht nur auf eine Einzelform ist für viele Fragestel- lungen Sozialer Arbeit besonders bedeutsam. „Ein personales Netzwerk ist daher mehr als eine Dyade oder Gruppe und mehr als eine soziale Organisa- tion; es schließt diese ein“ (80). Analytische Basiseinheit der Betrachtung sind letzt- lich Beziehungen. Dabei lassen sich bestimmten Beziehungsmerkmalen entsprechende Netzwerk- bezeichnungen zuordnen. Eine solche begriffliche Strategie verweist zugleich auf entsprechende Er- hebungsmethoden (u. a. je verschiedene Namens- generatoren): Bloße Bekanntschaft dominiert so im Bekanntschaftsnetzwerk, weitere Typen bezie- hen sich auf sozialen Kontakt / Interaktion, soziale Rollen, subjektive Wichtigkeit (network of signifi- cant others), die emotionale Beziehung sowie mit dem Unterstützungsnetzwerk bzw. Austauschnetz- werk auf entsprechende Handlungen und / oder Funktionen. Seltener untersucht ist das Belastungs- Netzwerk, für das spezifisch belastende Bezugsper- sonen als solche zu identifizieren wären. Diese Unterscheidung steht keineswegs im Gegensatz zum empirischen Befund, dass die Multiplexität in Ego-Netzwerken groß ist. Sie ermöglicht es aber, mit Bezug auf ganz bestimmte Fragestellungen Ausschnitte aus personalen Gesamtnetzwerken zu fokussieren (etwa bezüglich negativer sozialer Un- terstützung oder hoher Kontaktfrequenz). Ausgewählte Hauptperspektiven der Netzwerkthematisierung Soziale Netzwerke in zeitdiagnostischer Perspektive Das Interesse an der sozialen Einbindung weist typischerweise einige Hauptperspektiven auf. So- ziale Netzwerke werden in der Sozialen Ar- beit – erstens – sehr oft im Kontext einer gesell- schaftstheoretischen und zeitdiagnostischen Fragestellung ins Spiel gebracht – sei dies mit Be- zug auf die gesellschaftliche Perspektive des o. g. „sozialen Kitts“ im Sinne von Integration oder der Schaffung von Wohlbefinden und Lebens- qualität. Typisch für letzteren Zugang – und eine entsprechende interpretative Akzentuierung mit Bezug auf Geschlechterdisparitäten – ist ein Zitat wie das folgende: „Wenn die präventiven sozialen Unterstützerinnen par excellence – die Frauen in Familie und Nachbar- schaft – und ihre ständige Gratisarbeit weiterhin ‚ver- heizt‘ werden, werden die Wärme und der Komfort, den sie verströmen, eines Tages ersatzlos aufgebraucht sein“ (Schmerl / Nestmann 1990, 28). Ähnliche zeitdiagnostisch aufgeladene Befürchtun- gen existieren bezüglich des Generationenverhält- nisses. Nicht nur im Alltagsverständnis sondern auch in der klassischen Soziologie wird sehr häufig davon ausgegangen, dass sich die Beziehungen ge- rade zu den älteren Generationen, die jenseits der Kernfamilie stehen, lockern. Das Allianzprinzip gewinne die Oberhand über das Filiationsprinzip. Vor deutlich mehr als einem Jahrhundert (1892 / 1921) hat Emile Durkheim in seiner Vor- lesung über die Familie die Grundlagen für dieses klassische sozialwissenschaftliche Denken über Fa- milie gelegt. Er beschreibt den Modernisierungs- prozess als eine unerbittliche Entwicklung hin zur Gatten- bzw. Paarfamilie. Daraus folgt für ihn ein Bedeutungsrückgang des intergenerationellen Ho- rizontes und – wie er pessimistisch annimmt – auch der Familie selbst. 50 Jahre später hat Talcott Parsons in zwei Aufsät- zen (1943 / 1964) das damalige amerikanische Ver- wandtschaftssystem in Form eines Kontrastes zu den inzwischen aufgelaufenen – und maßgeblich
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