Handbuch 5. Auflage

1488 U. Otto  durch Durkheims Ansatz beeinflussten – Befunden über die Systeme traditionaler Gesellschaften um- rissen. „Parsons sieht die gleiche Entwicklung am Werke wie Durkheim; er beschreibt sie – mit einem Begriffspaar von Linton – als Übergang von konsanguinen zu konjugalen Grundlagen der Verwandtschaft. Es komme dabei zu ei- ner ‚strukturellen Isolierung der Kernfamilie‘, und daraus folge eine strukturelle Isolierung der Älteren nach dem Auszug ihrer erwachsenen Kinder.“ (Kohli / Künemund 2001, 515) In dem Maße allerdings, in dem sich mit vielfälti- gen Modernisierungsprozessen (Raisch 1996) her- kömmliche Sozialstrukturen wie Familie, Ver- wandtschaft und Nachbarschaft auflösen, ergeben sich neue Zwänge und Chancen zu größeren und weiter verzweigten „interpersonalen Umgebun- gen“, die mit dem Netzwerkkonstrukt angemessen begriffen werden können. Damit sind die Pole benannt, zwischen denen die Thematisierung der heutigen Verfassung sozialer Einbindung sich bewegt –  in der einen Achse die Annahme hoher Leistungs-, Wandlungs- und An- passungsfähigkeit sozialer Bindungskräfte einer- seits, die Annahme ihres zunehmenden Schwin- dens andererseits, in der anderen Achse die Bezugnahme auf individuelle versus gesellschaftli- che Phänomene. In diesem Feld werden mithin die basalen Fragen des Verhältnisses zwischen Indivi- duum und Gesellschaft verhandelt. Eben dieses Verhältnis vieldimensional in einemTheorieumfeld mittlerer Reichweite und mit Bezugnahmen auf Fragestellungen sowohl der Mikro-, als auch der Meso- und (eingeschränkt) Makroebene tiefen- scharf beleuchten zu können, macht gewiss einen wesentlichen Teil der Anziehungskraft der sozialen Netzwerkperspektive für die Soziale Arbeit aus. Dass diese Fragen andererseits in einer Weise ver- handelt werden, die angesichts eines ökonomisch und politisch verschärften Umbaus des Sozialstaats einerseits, der absehbaren demografischen Ent- wicklung andererseits eine durchaus explosive und missbräuchliche Diskursformation darstellt – dies stellt forschungs- und anwendungsbezogen eine große Herausforderung dar. Mit Bezug auf die nicht abflauende Konjunktur der öffentlichen und politischen – teilweise auch wissenschaftlichen – Überhöhung der Problemlö- sekapazität informeller Potenziale ebenso wie da- rauf bezogenen Krisendiagnosen tut solide wissen- schaftliche Aufklärung dringend not. Denn wie in kaum einem anderen Themenbereich überlagern und verstärken sich bei den Stichworten rund um „soziale Netze“ und „informelle Hilfen“ wissen- schaftliche Konzeptionen, zeitdiagnostisch-pessi- mistische Problemdiagnosen hinsichtlich eines Zerfalls von Gemeinschaftlichkeit durch den auf- kommenden bürgerlichen Individualismus und das „disembedding“ sozialer Systeme (Giddens 1995) sowie alltagsweltlich-optimistische Visionen einer besseren, gemeinschaftlicheren Welt und eine neokonservative Konzeption und Praxis der Ver- schärfung gesellschaftlicher Verteilungsprozesse. Dies geschieht schon seit vielen Jahren auch unter dem Mantel „neuer“, „solidarischer“ Gesellschafts- modelle, paradigmatisch etwa in Gestalt der höchst unterschiedlichen kommunitaristischen Zeitdiag- nosen und Perspektiven. Zentrieren wir die Debatte enger auf Soziale Arbeit und ihre Rahmenbedingungen, so lässt sich ein ähnliches Thematisierungsspektrum in einer ähn- lich organisierten doppelten Polung identifizie- ren – als zweite Hauptperspektive. Es ist eine Überzeugung, die wesentlich aus der Perspektive der Sozialen Arbeit und der Sozialpolitik vorgetra- gen wird und insbesondere durch gesellschaftliche Diagnosen im Kontext von spezifisch modernen Vergesellschaftungs- und Vergemeinschaftungsrisi- ken Schubkraft erhielt. Diese Lesart hat ebenso Konjunktur wie die oben vorgetragene allgemei- nere Perspektive. Und sie muss ebenso mit Bezug auf ihren empirischen, prognostischen und uto- pischen Gehalt hin hinterfragt werden. Bestimmender Fluchtpunkt ist die Analyse wider- sprüchlicher Individualisierungsmuster im Kontext gesellschaftlicher Modernisierung, die verbunden wird mit der Frage nach Interventionsbedarfen und Interventionsmöglichkeiten. „Wie aber“, so fragt stellvertretend z. B. Rauschenbach (1999, 256), „verändert sich mit dieser Individualisierung der Lebens- formen die Organisation des Sozialen, der soziale Be- darfsausgleich und die sozialen Dienste? Zugespitzt for- muliert: Während die naturwüchsige Organisation der sozialen Hilfen (auf Gegenseitigkeit) an Kraft und Bedeu- tung verliert, weiten sich die neuen, modernisierten For- men des sozialen Bedarfsausgleichs aus. Unterscheidet man drei Ebenen des sozialen Bedarfsausgleichs, zum

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