Handbuch 5. Auflage

Soziale Netzwerke 1489 einen die private, lebensweltbasierte Form der Selbst- regulation im sozialen Nahraum, zum anderen die Form der sachbezogenen Sozialpolitik via Geld und Recht so- wie schließlich die Formen der personenbezogenen sozia- len Dienste – etwa in der Gestalt von Sozialer Arbeit und öffentlicher Erziehung –, so lässt sich im Anschluss daran die These formulieren, dass die privat-lebensweltlichen, informellen Formen tendenziell abnehmen und durch ei- gens hierfür bereitgestellte, inszenierte soziale und päd- agogische Dienste immer häufiger ergänzt oder gar er- setzt werden.“ Es handelt sich hier also um eine letztlich netz- werk- und unterstützungszentrierte Gesellschafts- diagnose und den Aufweis entsprechender Inter- ventions bedarfe , die dann in der Regel professionell und / oder (beruflich-)organisiert zu erfüllen seien. Ein entsprechendes Beispiel findet sich bei Rau- schenbach (255): „Moderne Gesellschaften sind dabei, möglicherweise endgültig Abschied zu nehmen von der Hoffnung einer von alleine funktionierenden, lebensweltgebundenen Regulation des Sozialen durch die privaten, stillen und barmherzigen Samariter (die im wirklichen Leben zu- meist weiblich sind), die in dieser Welt uneigennützig, verbindlich und hilfsbereit Gutes bewirken und zugleich ein Gefühl der dankbaren Entlastung bei Dritten hin- terlassen, kurz: die Mitmenschlichkeit massenhaft, in- formell, freiwillig, unaufhörlich und vor allem unent- geltlich in den eigenen vier Wänden oder nach Feierabend praktizieren.“ Der Aufweis einer solchen „Bedarfsdeckungslücke“ wird in Verbindung gebracht mit einer Auffassung sozialarbeiterischer und sozialpädagogischer Inter- ventionsmöglichkeiten, die in einer Kompensati- ons- oder Substitutionslogik miteinander ver- schränkt werden. Bei Rauschenbach (256 f.; Hervorh. im Orig.) lässt sich dies beispielhaft zei- gen: „Wenn die Selbstversorgungskräfte und -möglichkeiten der kleiner werdenden Haushaltseinheiten nicht nur in materieller, sondern auch in sozialer und psychischer Hinsicht schrumpfen, wenn zudem auch die darum herum angelegten sozialen Milieus nicht mehr reibungslos funk- tionieren bzw. unangekündigt außer Betrieb genommen werden, dann schwindet entweder die Ressource Solida- rität und das ‚Sozialkapital‘ (Bourdieu) aus der Sphäre der Zwischenmenschlichkeit, oder aber etwas Neues muss eigens hergestellt werden, um an dessen Stelle zu treten.“ Sozialer Arbeit wird einerseits genau diese Funk- tion zugeschrieben, andererseits zuallererst auch zugetraut, dies in der Tat leisten zu können. An diesem Beispiel wird deutlich, welchen zentra- len Stellenwert die Frage nach netzwerkbezogenen Potenzialen Sozialer Arbeit innerhalb der moder- nen Analysen des Stellenwerts Sozialer Arbeit im gesellschaftlichen Wandlungsprozess hat. Noch- mals Rauschenbach (257): „Genau hier liegt der gesellschaftliche Bedeutungs- zuwachs im Prozess der Modernisierung von Sozialer Ar- beit und öffentlicher Erziehung: als eine neue Form ‚in- szenierter Gemeinschaften‘ […] sind sie Teil einer öffentlichen, hergestellten Ressource des ‚Sozialen‘. In diesem Sinne sind Soziale Arbeit und öffentliche Erzie- hung zentrale Instrumente zur Erbringung und Sicher- stellung personenbezogener sozialer Dienste in Form ei- ner sekundären Institutionalisierung des sozialen Bedarfsausgleichs, gewissermaßen eine Antwort zweiter Ordnung auf soziale Fragen zweiten Grades, d.h. eine gesellschaftliche Antwort auf gesellschaftlich erzeugte soziale Disparitäten und Bedarfslagen.“ Die hier formulierte Kompensations- und Substituti- onslogik kennzeichnet wesentliche Anteile der Mo- dernisierung gesellschaftlicher Strukturen hinsicht- lich sozialer Hilfen. Aber sie kennzeichnet das Verhältnis zwischen lebensweltlichen und netz- werkbezogenen Ressourcen und professionellen Diensten in mancher Hinsicht unterkomplex. Zu- mindest stellen sich Fragen – ob nicht der tech- nologische Herstellungsoptimismus zu groß ist, ob die Entwicklungsdynamik lebensweltlicher Res- sourcen zu einlinig gedacht ist und ob nicht die systemisch wie lebensweltlich interessantesten Op- tionen einer dynamischeren Verschränkung infor- meller und formeller Potenziale zu sehr außer Acht gelassen werden. Die angesprochenen Disparitäten sind hier beson- ders zu unterstreichen. Wichtige wohlfahrtsrele- vante Ungleichheiten sind in Netzwerkstrukturen einerseits begründet, lassen sich andererseits durch eine darauf bezogene Forschung tiefenscharf auf- zeigen. Netzwerkressourcen und verfügbare Unter- stützungsleistungen sind sehr ungleich verteilt,

RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=