Handbuch 5. Auflage
1490 U. Otto wobei der Befund noch viel bedeutsamer wird, wenn man ihn mit entsprechenden Bedarfen ins Verhältnis setzt. Vereinfacht ausgedrückt: Gerade diejenigen, die besonders großen Bedarf an netz- werkbezogener sozialer Unterstützung haben, ha- ben nicht nur empirisch besonders problematische Netzwerkstrukturen – teilweise verstärkt durch besonders problematische Interaktionsmöglich keiten –, sondern darüber hinaus oft besonders ein geschränkte Möglichkeiten, leistungsfähige Netz werkstrukturen zu gewinnen und zu pflegen. Hinzu kommt ein Aspekt, der diese Situation oft noch weiter verschärft: In dieser Scheren-Situation kommt es besonders schnell zu nichtreziproken Verhältnissen, d. h., die besonders problembelaste- ten Personen sind im Kontext der Vorstellung einer Support-Bank häufiger und nachhaltiger im Soll, als es persönlichen Beziehungen auf Dauer gut tut. Mit Bezug auf die Ungleichheitsthese lassen sich eine Reihe von diesbezüglichen Risikogruppen identifizieren und damit Interventionsbedarfe. Übergänge und Soziale Netzwerke Eine dritte Perspektive gerade mit Blick auf Soziale Arbeit bezieht sich auf die Bedeutung und Ent- wicklung sozialer Netzwerke mit Blick auf vielfäl- tige Übergänge – auf deren Entstehung, Gestaltung und Bewältigung. Auch dieser Aspekt wird – bei übereinstimmend festgestelltem hohem Stellen- wert – in der einschlägigen Literatur kontrovers diskutiert. Einige der diesbezüglich wichtigen Merkmale sozialer Netzwerke wurden bereits an- gesprochen. Es geht um ihre Zusammensetzung, Verbindlichkeit und Belastbarkeit in Zeiten zuneh- mender Singularisierung sowie beruflicher und geografischer Mobilität. Ebenso kontrovers werden die Rahmenbedingungen zu ihrer Unterstützung diskutiert. Einigkeit besteht dahingehend, dass fa- miliale und außerfamliale soziale Beziehungen grundsätzlich eine zentrale Rolle im Leben(slauf ) von Menschen jeden Alters und bei der Flankie- rung von Bruchstellen, Neurorientierungen spie- len, angesichts normativer und non-normativer Lebensereignisse u. a. „Nicht selten sind Übergänge und Ereignisse im Lebenslauf überhaupt erst durch die damit einhergehenden Netzwerkveränderun- gen definiert“ (Lang 2005, 41), z. B. bei Scheidung oder Verwitwung. Neben ihrer Bedeutung für die Markierung von Lebensabschnitten flankieren soziale Beziehungen zudem die anderweitig induzierten Übergänge, nicht zuletzt auch Altersübergänge: Sie stellen ei- nerseits Bewältigungsressourcen dar, eröffnen (Handlungs-)Möglichkeiten und transportieren soziale Unterstützung (s. u.). Verschiedene Unter- suchungen weisen dabei auf die hohe Konstanz sozialer Netzwerke hin, die im Sinne des social convoy (Kahn / Antonucci 1980) auch über lebens- geschichtliche Brüche und Altersgrenzen hinaus- weisen. Andererseits können soziale Beziehungen aber auch als Verpflichtungen und als Einschrän- kung des Bewegungsspielraums (z. B. bei Pflegever- antwortlichkeit) erlebt werden, wobei hier – wie insgesamt in dieser Erfahrungsdimension – starke geschlechtsspezifische Unterschiede zu konstatie- ren sind. Die Auseinandersetzung mit der Pflege- bedürftigkeit und Hinfälligkeit alter Menschen stellt eine entscheidende Herausforderung inter- und intragenerativer sozialer Beziehungen dar, wobei mit wachsender Bedeutung professioneller Dienstleister eine Re-Strukturierung der Pflegere- lationen zu erwarten ist. Zentrale Fragen beziehen sich darauf, welche sozia- len Netzwerk-Veränderungen von den Subjekten als zentrale Einschnitte im Lebenslauf begriffen werden. Es ist folgenreich, wie soziale Netzwerke ihrer Ansicht nach beschaffen sein sollen bzw. müs- sen, um als Ressourcen im Alternsprozess begriffen zu werden, welche Bedeutung dabei der „Geber- rolle“ und den „Austausch-Bilanzen“ zukommt (Bengtson /Dowd 1981) und inwiefern im sozialen Modernisierungsprozess der Konsum von Dienst- leistungen als Substitut für soziale Netzwerke gese- hen werden kann. Das Interesse an sozialer Unterstützung Eine vierte Hauptperspektive richtet sich auf die Frage, welche Bedeutung die soziale Einbindung für die Entstehung, vor allem aber für die Lösung von Problemen hat. Im praktisch-politischen Dis- kurs wird sie insbesondere seitens der Sozialpolitik sowie der sozialen Berufe im weitesten Sinne be- sonders interessiert verfolgt. „Es ist lediglich ein ‚Mythos‘, davon auszugehen, dass Menschen mit gesundheitlichen oder psychologischen
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